Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, sieht mehr. Ein abgedroschener Kalenderspruch, zugegeben, aber deshalb nicht weniger zutreffend. Wer mit offenen Augen allerdings durch Berlin geht, sieht Fahrradschlösser. Hunderte, vielleicht Tausende, herrenlos, bzw. radlos hängen sie herum: am Fahrradständer, an der Brücke nebenan, an Geländern oder an Straßenlaternen. Wem gehören die denn? Warum sollte irgendjemand auf die Idee kommen, ein Fahrradschloss mal eben so irgendwohin zu hängen?!
Schlösser an Geländern kennt man auch in anderen europäischen Städten – in Riga beispielsweise ist es Brauch bei Frischvermählten, ein Vorhängeschloss an einer Brücke anzubringen und anschließend den Schlüssel in den Bach, der darunter hindurch fließt, zu werfen. Das, so die Hoffnung, garantiere eine lange, glückliche Ehe. Ist womöglich das Anbringen von Fahrradschlössern an Berliner Geländer, Brücken, Pfeiler oder Fahrradständer ein Glücksritual, eine heidnische Opfergabe an die Zweiradgötter, die für ein langes Leben des Drahtesels oder vielleicht für lange nicht gestohlen werden sorgen soll? Verstehen könnte man es ja in der Hauptstadt, in der manche behaupten, ein Schloss am Fahrrad wäre eine Einladung für dreiste Diebe. Das ist es! Wenn man sich symbolisch dem Schloss entledigt und es an einen gutsichtbaren Platz hängt, wird das Rad nicht gestohlen – klingt doch logisch, auf seine Art. Allerdings: allein ein Rad zu haben ist genug Einladung für Zweiradklauer in Berlin, da braucht es keine Schlösser.
Warum also ist kein Fahrradständer frei von ungenutzten Fahrradschlössern? Eine Reviermarkierung möglicherweise, „Hey, dass ist mein Platz“. Sind Fahrradschlösser an Geländern die neuen Handtücher auf Poolliegen? Wohl kaum, denn viele der Schlösser sehen so aus, als hingen sie schon zur Wende dort – von wegen rostfreier Stahl, bei genügend Berliner jetzt-Regen-jetzt-Sonne-jetzt-Hagel – Wetter macht auch das wertvollste Edelmetall schlapp.
Tja, dann muss es wohl Kunst sein, letztere ist schließlich in ganz Berlin an jedem Eck zu finden und lässt sich zweifelsfrei als solche auch nicht immer identifizieren. War vielleicht Christo wieder in der Stadt, hat er ein CycleLock – Fahrradständer - Projekt laufen? Nee, dann wären mehr Presse und viel mehr Touristen aus den USA hier. Vielleicht eine Art Code, entsprechend den Kreidezeichen an Häuserwänden mit denen sich Ganoven, als Kriminelle noch so bezeichnet werden konnten, über die Ausnehmbarkeit der Bewohner verständigten. Wieso aber hängen die Schlösser dann am gewöhnlichen Fahrradständer ebenso wie an der Autobahnbrücke?
Es wird Zeit, dass sich Herr von Dänicken oder andere Grenzforscher mit dem Phänomen auseinandersetzen. Vergessen wir die Kornkreise und Irrlichter, angebliche Wetterballons und blutende Statuen – herrenlose Fahrradschlösser am Fahrradständer: das ist ein Rätsel, das gelöst werden müsste!
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