Kunst und Kultur

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Satirisches von Horatio Hudl zum Thema:

Die Höflichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr

Ich verlasse morgens das Haus, um mich zu meinem Auto zu begeben. Direkt vor meiner Nase kreuzt ein Typ meinen Weg, der mich kennen muss, weil er ständig hier vorbeikommt. Ich rufe also ganz spontan: „Morgen!“, weil sich das so gehört. Und wie reagiert der liebe Zeitgenosse? Gar nicht! Der guckt einfach weg! Das ist ärgerlich und peinlich zugleich, weil man ziemlich blöd dasteht, wenn man morgens um sieben vor der Garage Monologe hält. Ich bin eingeschnappt und beschließe, ihn nie wieder zu grüßen, doch am nächsten Morgen geht aus Versehen wieder der Anstand mit mir durch.

Ehrlich gesagt passiert mir sowas in letzter Zeit ständig, obwohl ich längst dazugelernt haben sollte. Ich fürchte, ich bin hoffnungslos höflich und damit total am Zeitgeist vorbeigeschlittert, mega-out sozusagen. Aber ich schwöre: Ich kann nichts dafür. Die „gute Kinderstube“ ist schuld, also im Prinzip meine Eltern.

Offensichtlich steht die Höflichkeit immer weniger Leuten dabei im Wege, ihre wahre Persönlichkeit auszuleben. Wie sonst sollte es sich erklären, dass man heutzutage schon unlauterer Absichten verdächtigt wird, wenn man beim Betreten einer Bäckerei bloß arglos lächelnd „Guten Tag“ in die Runde sagt oder wenn man „macht nichts“ statt „pass doch auf“ murmelt, wenn einem jemand in der Kneipe auf den Fuß tritt.

Die neue Unhöflichkeit bezieht sich eben nicht nur auf die Grüßerei. Am allermeisten gehen mir ja die Manieren vieler Verkäufer/innen der großen Kaufhäuser auf den Geist, weil man ihnen so schlecht ausweichen kann. Neulich zum Beispiel brauchte ich dringend ein Röllchen Fensterdichtungsband, stand zwischen turmhohen Eisenregalen in einem Baumarkt von der Größe dreier Fußballfelder und konnte es nicht finden. „Was soll’s“, dachte ich mir treudoof, „ hier sind schließlich so viele versierte Fachleute. Sicherlich wird einer in der Lage und willens sein, kurz den Arm zu heben, um in die betreffende Richtung  zu zeigen.“ Falsch gedacht. Meine Odyssee durch den Laden dauerte etwa zwanzig Minuten.

Der Erste hatte keine Zeit, weil er - offensichtlich mit einem Duz-Freund - telefonieren und Neuigkeiten von Zuhause austauschen musste. Ich erfuhr ganz nebenbei, dass seine Frau, die ich leider nicht kenne, mal wieder Ärger mit der Lehrerin der Tochter, die ihrerseits tags zuvor elf geworden ist, hat, weil das Mädchen, das seit zwei Wochen genau neben ihr sitzt...

Irgendwann begriff ich, dass ich störte. Ich fragte mich beim Weitergehen, wie der Mann es fertig gebracht hatte, fünf  Minuten lang an meinem Gesicht vorbeizugucken, als wäre ich gar nicht da, obwohl ich nur einen halben Meter von ihm entfernt von einem Fuß auf den anderen trippelte.

Der Zweite sah gar nicht erst von seinen Materiallisten hoch. Die Dritte zog einen Flunsch, weil sie gerade Feierabend machen wollte und verwies mich an einen Kollegen am anderen Ende der Halle.

Dieser Vierte „überhörte“ mein zweimaliges Fragen und schlenderte mit gleichgültiger „Red-du-nur-Miene“ an mir vorbei. Zum Glück war er mir nicht auch noch böse, hatte ich es doch gewagt, ihn beim Träumen zu stören. Der Fünfte hob erst einmal die Hand und deutete mir an, dass ich zu warten hätte, bis er alle Leisten ans Regal gelehnt und mit dem Kollegen ausgeplaudert hätte, was wiederum einige Minuten dauerte. Dann legte er die Stirn in senkrechte Falten und murrte: „Was is ?“ „Fensterdichtungsband.“, antwortete ich resigniert: „Könnten Sie mir vielleicht ganz grob andeuten, wo ich sowas finde?“ Er winkte ab und knurrte im Weggehen: „Nee, keine Ahnung.“. „Na ja“, sagte ich mir, „eigentlich ist so ein Baumarkt doch ein hübsches Fleckchen Erde. Es gibt so viel zu gucken, da möchte man gern noch die eine oder andere Stunde verweilen.“

Beim Slalom um die Regale entdeckte ich irgendwann eine junge schüchterne Auszubildende, die eifrig mit dem Stapeln von Kartons beschäftigt war. Ich rannte auf sie zu und brachte atemlos meine Frage heraus. Na, ich traute ja Augen und Ohren kaum! Das Mädchen lächelte und entgegnete höflich: „Kommen Sie bitte mit. Ich zeige es Ihnen.“ Wahnsinn! Ich umklammerte mein Röllchen Fensterdichtungsband, schaute sie an wie ein Wesen vom anderen Stern und bedankte mich und bedankte mich und bedankte mich...

Fortsetzung folgt unter: Nur nicht lächeln! Noch mehr unhöfliche Zeitgenossen


Firmenname : "Atelier Wortquelle"
Kontaktperson : Horatio Hudl
E-Mail : horatio.hudl@wortquelle.de






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