Le-Puy-en-Velay im französischen Zentralmassiv ist ein guter, um nicht zu sagen der ideale Ort, um eine Pilgerfahrt zu beginnen. Ja, es heißt tatsächlich PILGERFAHRT, auch wenn man zu Fuß geht!
Heute, am 22. September 2006 in ungefähr 7 Minuten, werden wir den französischen Hochgeschwindigkeitszug, der dem Zeitgeist entsprechend, mit 200 km/h durch die Landschaft rast, in Le-Puy-en-Velay verlassen, um dann zu zweit, zu Fuß und ausgerüstet mit Rucksack und Pilgerstab den Süden Frankreichs und den Norden Spaniens zu durchqueren. In Le Puy vereinigen sich Pilgerwege aus ganz Europa zum eigentlichen Jakobsweg. Kirchen und Kreuze zum Teil in steile Hügel und felsige Berge gebaut, stimmen Wallfahrer wie uns auf den eigentlichen Jakobsweg ein.
Eine alte Dame empfiehlt uns für die Übernachtung das Kloster Couvent de la Providence, was zu Deutsch Kloster der Vorsehung bedeutet. Ich vertraue mich auch dieses Mal wieder der Vorsehung an, was, wenn ich es recht überlege, ohnehin das Einzige ist, was einem im Leben übrig bleibt.
Wir, also meine Freundin Sabina und ich, sind nicht mehr ganz jung und ans Gehen nur durch Übungswallfahrten nach Maria Zell gewöhnt, beginnen unseren ersten Tag als Pilger am weltberühmten Jakobsweg voller Euphorie und Energie. Dennoch erweisen sich die ersten Tage als überaus schwierig, physisch schwierig, weil es eben etwas anderes ist, ob man einmalig 7 Stunden pro Tag geht oder jeden Tag 7 Stunden lang geht. Psychisch schwierig ist es deshalb, weil sich diese neue Art des Nomadenlebens sehr stark von unserem österreichischen Alltagsleben unterscheidet. Die große und einmalige Chance für moderne Großstadtpflanzen wie Sabina und mich besteht jedoch darin, die moderne High-Tech-Zivilisation zu hinterfragen. Unser Leben ist geprägt von künstlicher Mobilität wie Flugzeug, Auto oder U-Bahn, von künstlicher Information via Fernsehen und Radio, von künstlicher Kommunikation per Handy oder Internet UND ganz plötzlich wird es reduziert auf das Archaische also: Wir gehen, wir lesen die Wegweiser und achten auf Zeichen und wir kommunizieren auf einer ganz anderen Ebene, nunmehr stellen wir so entscheidende Fragen wie: „Sollen wir rechts oder links abbiegen?“
Sehr schnell beginnt man, sein Leben zu hinterfragen
Unsere erste Erfahrung: Vergessen sind sozialer Status und Ansehen – Du bist nur mehr Pilger!
Wir essen und schlafen zusammen mit arbeitslosen Jugendlichen in Klöstern und spartanischen Pilgerherbergen, in denen ich manchmal regelrechte Kämpfe um Warmwasser und Kochplätze geführt habe aber diese kleinen Notlagen sind vollkommen unbedeutend im Vergleich zu dem Umstand, dass arme Bauern in Galicien noch heute ihre Milchkühe als Zugtiere für den Pflug missbrauchen, dies war in Österreich zuletzt vor ungefähr 100 Jahren der Fall. Sehr schnell habe ich gespürt, dass ich als Pilger keine andere Leistung vollbringe, als mir den Genuss des Gehens zu gönnen. Ich komme aus einem reichen Land, lebe ein Leben in Reichtum und Freiheit und kann/will/darf es mir leisten, die Armut zu suchen.
Meine Freiheit, zu reisen, wann, wie und wohin ich möchte, verdanke ich meinem Beruf, der zu meiner Berufung wurde. Seit geraumer Zeit gönne ich mir den Luxus des Abenteuers unterwegs zu sein und erfülle mir damit meinen Lebenstraum. Heute muss ich nicht mehr 60 Stunden pro Woche hart arbeiten, um einen passablen Lebensstandard mit moderater Qualität und wenig Freizeit für mich zu schaffen. Dennoch arbeite ich selbstständig und mit Freude und helfe durch meine Tätigkeit vielen anderen Menschen dabei, ihre persönlichen Lebensträume zu realisieren und umzusetzen!
Inputs für neue Reiseziele und die nach meiner Meinung etwas andere Art des Reisens liefert übrigens mein Nebenjob, der für mich schönste Nebenjob der Welt, ich arbeite nämlich stundenweise in einem Reisebüro für einen Reiseveranstalter, das ist eine für mich wunderbare Ergänzung und eine für beide Seiten befriedigende Kooperation mit Synergieeffekten!
Dennoch der Jakobsweg, den ich mir naiver Weise als größeren Spaziergang vorgestellt hatte, zeigte mir sehr bald, dass er absolut nicht als Spaziergang betrachtet werden möchte. Sabina hat es in einem Satz auf den Punkt gebracht:
„Als Tourist habe ich den Weg begonnen und als Pilger beendet.“
Wie kommt man auf die eigenartige Idee, mehr als 1500 Kilometer innerhalb von 2 Monaten zu Fuß zur Kathedrale eines Heiligen zu wandern, von dessen Existenz ich bis vor kurzem keine Vorstellung hatte?
Nun, der Jakobsweg ist natürlich dem heiligen Apostel Jakob gewidmet und schon alte Bücher sprechen von einem Pilgerboom auf der Strecke zwischen Le Puy und Santiago de Compostela beginnend ab dem 12 Jahrhundert nach Christus.
Viele Pilger, die ebenso wie Sabina und ich heute auf dem Jakobsweg unterwegs sind, gehen nicht aus strikten religiösen Gründen zur Grabstätte des heiligen Apostels Jakob. Der Camino de Santiago ist zu einem Treffpunkt der unterschiedlichsten Menschen aus der ganzen Welt geworden und trägt nach meiner Meinung seine Bezeichnung „Erste europäische Kulturstrasse“ ganz zu Recht.
Am 2. Oktober 2006 kommen wir nass bis auf die Knochen in Conques an. Es hat exakt 7 Stunden durchgeregnet und leider hat Sabina im Zorn auch ihren Pilgerstab zerbrochen. Mir bläst der eisige Wind ins Gesicht, meine Schultern schmerzen heftig unter der Last des nassen Rucksackes. Ich fuchtle wild und unmotiviert mit meinem Pilgerstab rum und verfluche den heiligen Jakob und natürlich auch alle anderen Heiligen. Über Aussehen und Zustand meiner permanent schmerzenden Füße möchte ich weder nachdenken noch berichten. Ich schimpfe lauthals vor mich hin und ersticke nahezu in meinem Pilgerelend, um schlussendlich am nassen Asphalt auszurutschen und zu stürzen. Dieser schmerzvolle Sturz bringt mir jedoch Erleichterung und auch die Aussicht, dass Sabina hinter mir hertrabend, jetzt ohne Pilgerstab, nicht mehr aussieht wie der heilige Nikolaus!
Wir nähern uns langsam und unendlich mühsam auf groben Pfaden Pamplona, wobei wir täglich in etwa 25 Kilometer bewältigen. Zumeist beginnen wir unsere Tagesetappe um acht Uhr morgens, ich bin zu dieser Zeit immer recht munter und rede viel, am liebsten natürlich über die Schmerzen, die mich plagen! Gegen 11 Uhr vormittags und um 13 Uhr gibt es Pausen um dem Körper Kohlenhydrate und Flüssigkeit zuzuführen, die er dankbar aufsaugt. Wann immer die Möglichkeit besteht, in einem Ort einen Kaffee zu trinken, nutzen wir dies.
Die Siesta des Pilgers am Nachmittag verläuft schweigend und in einem Trott, die Blicke beginnen zu schweifen und die Augen genießen die unendliche Freiheit rundherum.
Pilgern gilt in allen großen Weltreligionen als reinigende Tat, als real vollzogene Suche nach Gott – und letztlich nach dem eigenen ICH. Wann immer ich Sabina frage, woran sie denn gerade denkt, bekomme ich zur Antwort: „Ach – an nichts.“ Das kommt schon ungefähr hin. Ich habe aufgehört, an die Vergangenheit oder an die Zukunft zu denken, ich will nur noch HIER und gleichzeitig UNTERWEGS sein! Die Welt wird Schritt für Schritt gemessen, der Atem passt sich der Bewegung an, ein Rhythmus entsteht. Viele Gepäckstücke, wie Antifaltennachtcreme, Haarbalsam und Nagellack haben wir als unnötigen Ballast mit der Post nach Österreich zurückgeschickt und ebenso haben wir unnötige Gedanken in die hintersten Archive unserer Gehirnzellen verbannt. Für wirklich erhabene Gedanken à la Shirley Mc.Laine, die den Jakobsweg als spirituelle Reise beschreibt, war ich ehrlich gesagt meistens zu müde und auch Paulo Coelhos Kultbuch „Auf dem Jakobsweg“ kann ich keineswegs als Reiseführer empfehlen.
Am 7. November 2006 haben wir in Rabanal das Vergnügen, Bekanntschaft mit einem älteren streng katholischen Pilger aus Frankreich zu schließen. Trotz der stundenlangen starken Steigung in Richtung des berühmten „Cruz de Ferro“ hat der Mann nichts Besseres zu tun, als unablässig zu beten und sich ebenso unablässig zu verirren. Das beweist doch, dass entgegen der landläufigen Meinung auch Gebete vom rechten Weg abbringen können!
Der spanische Teil des Jakobsweges führt über die Großstädte Burgos und León nach Santiago und verläuft oft stundenlang auf schnurgeraden asphaltierten Strassen und und Agrarwegen und ist weit weniger romantisch als der anfängliche Teil in Frankreich. Je näher wir in Richtung Santiago de Compostela kommen, umso mehr andere Pilger treffen wir auf dem Jakobsweg, eh klar, viele gehen nur die letzten 200 Kilometer dieses Weges und erzählen dann, wie großartig und bereichernd diese spirituelle Reise zu Fuß für ihr Leben war!
Das Allerschönste an der Erfahrung des Pilgerns ist nach meiner Meinung dennoch der Kontakt mit anderen Menschen. Gespräche werden sehr schnell persönlich und tiefgründig, weil alle, die auf dem Camino unterwegs sind, sich in einem Zustand der Suche und Offenheit befinden.
Am 17. November 2006 kommen Sabina und ich zusammen mit einem sehr netten französischem Ehepaar und dessen störrischem Esel in Santiago an. Der erste Blick vom Monte del Gozo (Freudenberg) auf die heilige Stadt ist für mich enttäuschend. Ich sehe ein paar nette Villen, viele Beton- und Wohnblöcke und vor allem unzählige Baukräne. Meine Vorfreude wird vom Straßenlärm der Stadtautobahn von Santiago übertönt. Für Sabina und mich stellt die Ankunft beim Kilometer “0“ keine Erlösung dar, weil wir den Pilgerweg niemals als selbst auferlegte Strafe angesehen haben, sondern vielmehr als einzigartige Möglichkeit der Bewusstseinserweiterung. Auch die Mittagsmesse in der Kathedrale von Santiago kann uns in keine spirituelle Hochstimmung versetzen. Es gibt einen alten Pilgerspruch:
Der Weg endet nicht in Santiago, der Weg beginnt in Santiago.
Jeder, der den Jakobsweg geht, wird danach spüren, dass sich sein Leben verändert hat. Wer einmal Pilger war, wird es ewig bleiben.
Für uns war der Jakobsweg ein großartiges Erlebnis, eine große Herausforderung, eine wunderbare Erfahrung, ein schmerzhafter Prozess und ein unvergesslicher Input für unser zukünftiges Leben.
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