Eine Betrachtung von Nash D. Hendriks
„Im Meer der Tränen zu ertrinken ist uns bestimmt, solange noch die Scheiterhaufen in den Herzen brennen und die Besten uns verlassen.“, lautet der Einleitungssatz meiner Lieblingsgeschichte von Leilah Lilienruh.
Melancholische Worte einer Künstlerin, deren Arbeiten häufig gleichermaßen kraftvoller wie empfindsamer Ausdruck ihrer intensiven Auseinandersetzung mit unerträglichen Lebenswirklichkeiten sind.
Poetisch, beinahe melodiös, in der Sprache, mitunter jedoch als Reflektion knallharter Tatsachen gnadenlos direkt in der Aussage, löst sie individuelles Schicksal aus seiner vermeintlichen Isolierung, lenkt den Blick auf verdeckte kollektive Verknüpfungen und Verantwortlichkeiten. Ihre Protagonisten gleichen „frierenden Kindern in tiefschwarzer Nacht, die sich ängstlich aneinander klammern oder wütend um sich schlagen, jeder so wie ihm sein Herz erlaubt“, sagt sie.
Eingebettet in Lyrik, Prosatexte oder Satiren vermögen ihre Gedanken den Leser aus der schreckensüberwöhnten, scheuklappenblinden Erstarrung moderner Zeiten zu lösen und zutiefst zu berühren. So wie man es bei ungewohnten sportlichen Übungen in vorher unbeanspruchter Muskulatur erlebt, verursacht die Lektüre ihrer Texte häufig einen inneren Schmerz an merkwürdigen Stellen, die man der Seele zuordnen möchte. Doch, obwohl peinvoll, mag man sich der Wirkung jener Worte nicht entziehen, sondern sie in sich aufsaugen und sich der Traurigkeit eine Weile ergeben.
„Fassungslosigkeit“, antwortet sie auf die Frage nach dem Grund für ihr permanentes Ringen um Entblößung unliebsamer Wahrheiten. Ob Themen und Stil dem jeweiligen Zeitgeist entsprechen, ist der gebürtigen Offenbacherin absolut gleichgültig. Wichtig sind ihr allein sprachliche Transparenz und Urkraft, die im Idealfall gleiche Schwingungen bei Leser und Autorin erzeugen. Wiederkehrende inhaltliche Motive sind Begriffe wie „Ignoranz“, „Ohnmacht“ und „Mitgefühl“. Dabei geht es meist weniger um das Erzählen als um das Hinterfragen. Was faktisch scheint muss beweglich werden, verrückbar.
Lilienruh, selbst ein Kind der frühen sechziger Jahre, aufgewachsen im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichem Umbruch und „statisch grauer Bürgerlichkeit“, wählte früh ihre künstlerische Darstellungsweise. Bereits mit sechs Jahren verfasste sie erste Gedichtzeilen und verkündete: „Ich werde Schriftsteller!“ Dass sie die männliche Form gebrauchte, war weder kindliche Unwissenheit noch Versehen, sondern Ergebnis ihrer Beobachtung, dass Männer beruflich erheblich bevorzugt waren.
Als sie im Alter von zwanzig Jahren eine Ausbildung zur Zeitungsredakteurin absolvierte, „um erst einmal einen anständigen Beruf gelernt zu haben“, bestätigte sich diese Vermutung.
Wenn sie damals gefragt wurde; „Na, Fräuleinchen, können Sie als Frau denn überhaupt mit einer Kamera umgehen?“, knirschte sie mit den Zähnen und schwieg. Heute nutzt sie diese Sequenzen als karikaturistisches Stilmittel in ihren Geschichten.
In den vergangenen Jahren erschienen zahlreiche Geschichten und Gedichte von Leilah Lilienruh in Zeitungen und in Heftform. Kürzlich wurde eines ihrer Werke in die „Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts“ aufgenommen.
Damit ihre Arbeiten einem breiten Publikum zugänglich sind, wird das Kasseler „Atelier Wortquelle“ nun gleich mehrere ihrer Werke in Form von Hörbüchern veröffentlichen, wobei die Lyriksammlung „Gezeitenlos“ den Anfang machen soll. Spätestens im Herbst werden besinnliche Kurzgeschichten folgen. Ob auch ihre eigene Stimme zu hören sein wird, will Lilienruh noch nicht verraten.
Der Leser, dessen Resonanz sie trifft, ist nur schwerlich in der Lage, ihre Zeilen wieder zur Seite zu legen. Zart, verletzlich und intuitiv, aber auch kokett und augenzwinkernd bringt sie Menschen in einen Zustand zwischen Lächeln und Weinen. Man darf gespannt sein, welche Wirkung diese besonderen Texte der Kollegin in derart gesprochener Form haben werden.
Mit Genehmigung der Autorin Leseproben aus der Lyriksammlung „Gezeitenlos“ sowie aus „Die zerbrochene Puppe“:
Dein Stein
Unerträglich
das Wuchern, das Verschlingen
Gierig frisst der Efeu deinen Namen
Fremder
Moosgeflecht, welkes Laub
auf deinem Todesjahr
Algen in dem Tag deiner Geburt
Zitternd suchen meine Finger dich
in letzten Rillen, letzten Fugen
Wie nie geboren
verschwindest du auf immer -
bald auch ich
So nah
Gefunden, umwunden von deinem satten Schein,
eingesponnen in seidene Fäden aus Licht
die deinem Herz entströmen, mich zu nehmen,
eingeschlafen und erwacht, nein nicht erwacht,
für immer auf dem Netz zu schweben,
das dein sanfter Mut mir leise wob
und nie mehr in den Schlund zu stürzen
tief unten im Verstand, jenseits aller Sehnsucht.
Mein Weg
Es scheint, als sei der Weg verschwunden
und scheint mir einerlei.
Ausweglos in mir gefangen,
unbewegt in mich gehüllt,
füge ich für mich zusammen,
was in meinen Schatten fällt.
Es scheint, als sei der Weg gefunden
und scheint, als sei ich frei.
…Mag sein, dass es im Herbst begann. Im Herbst beginnen viele Dinge, die Abschied meinen und Vergehen. Vielleicht jedoch begann es niemals, will sagen, nicht als fixer Punkt, aus dem die Linie sinnvoller Entwicklung treppenartig wächst, um irgendwann ins unausweichlich Schlimme einzumünden.
Das erste unheilvolle Zeichen, das sie erzittern ließ, diese Frau, die vorher prächtig funktionierte, vernünftig wirkte, ausgesprochen souverän, war schlicht nur ein Gedanke. Er war nicht groß, schien eher zu den flüchtigeren zu gehören, deren Schicksal ist, kaum ausgedacht, schon vom Gedankenfluss erfasst und in die dunklen, unbewussten Tiefen fortgespült zu werden. Doch diese plötzliche Idee, die sie durchzuckte, war von ganz anderer Natur. Sie nistete sich ein und blieb. Nora mühte sich erschreckt, sie einfach fort zu denken und hoffte anfangs noch naiv: so, wie sie kam, wird sie auch gehen. Am nächsten Morgen wachte sie jedoch mit dem Gedanken auf und abends ging er wiederum mit ihr zu Bett.
Das Denkstück zu beschreiben, wäre ihr wohl schwer gefallen, und ohnehin kam ihr nicht in den Sinn, von solchen Dingen frei zu sprechen, in denen es bloß um Gefühle ging. Gefühle, schien ihr, seien ein instabiles Material, suspektes Fundament, das Leben darauf aufzubauen.
Im Grunde war es nur ein Bild, an dem ein unlustvolles Fühlen klebte. Dies sonderbare Fühlen war es, das sie lähmte und auch aufrieb, den Puls zum Rasen brachte und manchmal so erdrückend war, dass sie die Hände an die Schläfen presste und heftig seufzen musste. Sie wusste, etwas war erwacht und wütend, was lang ganz tief in ihr geschlummert hatte, in irgendeiner dunklen Nische, wo man die Dinge ablegt, die man nicht mehr finden will. Doch alles, was man dort verbirgt, hat nur den einen Drang: die Kerkertür im unverhofften Augenblicke aufzustoßen und sich zurück zu melden, um eine Wahrheit kund zu tun, die keiner hören mag…