klettern in Kroatien - Velebit - Paklenica
Das Paklenica Syndrom
Ab nach Hause — und zwar schnell«, denke ich mir, als ich am Freitag abend die Ladentüre in Zagreb hinter mir schließe. Endlich Wochenende. Meine Familie wird schon auf mich warten. Naja — groß weglaufen können sie ja schließlich auch nicht. Noch schnell das Nötigste eingepackt und ab durch die Mitte. Jetzt erwarten mich zwei Stunden Fahrt. Was tut man nicht alles für ein Wiedersehen! Dabei ist mein letzter Besuch noch gar nicht so lange her. Genau eine Woche. Mir kommt es wie eine Ewigkeit vor. Mit jedem gefahrenen Kilometer stellt sich wieder mehr Vertrautheit ein. Jeder weitere Meter Richtung Ziel lässt dieses Gefühl in mir wachsen. Vorfreude und Unruhe machen sich breit.
Die Gegend um Paklenica hat einen besonderen Reiz. Ihr Charme verzaubert viele und fesselt manche für immer. Es ist die Seele des Ortes, der sich trotz großer Vielfalt und Tourismus seine Einzigartigeit erhalten hat. Gerade das zeichnet ihn aus. Kletterer und Naturliebhaber finden hier alles, was sie zum Glücklichsein brauchen: Das Meer ist nah, die Berge nicht weit, die Schönheit der rauen Natur oft ungezähmt. Das macht die Atmosphäre so besonders. Und obendrein alle Arten des Kletterns: Bouldern, kurze oder alpine Sportklettereien und Tradclimbing-Routen — für blutige Anfänger wie für erfahrene Kletterprofis.
Home, sweet home!
Angekommen, steuere ich traditionell das Restaurant »Paklenica« von Dinko an. Hier sauge ich die Atmosphäre förmlich auf, versorge mich mit dem neuesten Klatsch und Tratsch und gönne mir erst einmal einen Kaffee. Das schwarze Gebräu vermittelt einfach Gemütlichkeit. Ich liebe es fast genauso wie eine gute Kletterroute. aber eben nur fast. Und dann im da natürlich auch noch Dinko, der Restaurantbesitzer, den lieben alle hier. Er ist wie ein großzügiger Opa für uns Kletterer. Auf seiner Terrasse fühle ich mich so gut aufgehoben wie bei meinen Eltern. Manchmal serviert er mir sogar schon unaufgefordert eine Tasse Kaffee …
So, jetzt aber schnell zurück ins Auto. Genug sinniert, denn die Familie wartet und ich bin schon ganz ungeduldig. Auf der kurzen Fahrt von der Stadt Sta-rigrad hinauf in die Schlucht habe ich das Gefühl, als stiege mit jedem Meter vorwärts auch die Höhe der umgebenden Felsen an. An der schmalsten Stelle fühle ich mich fast von ihnen umzingelt. Hier gibt es scheinbar keinen Ausweg mehr. Und wieder einmal ist es passiert: die Schlucht hat mich »eingesaugt«. Ihr wildes Ambiente und das grandiose Farbenspiel der Natur tun ein Übriges.
Zum Verrücktwerden
Es hat mich wieder erwischt, das Paklenica-Syndrom! Es ist ein Sog, eine Art Sucht — nur schlimmer: Es gibt keinen Entzug. Egal, denke ich mir. Finde dich damit ab! Besser früher als später. Denn jetzt steht sie endlich wieder vor mir, meine »Familie«. Ich muss sie berühren, habe sie vermisst. Festhalten will ich den Fels, der mir Heimat geworden ist: die wunderbaren Wände Paklenicas — ein Paradies aus Kalk! Um die einhundert eingebohrte Mehrseillängen-Routen warten auf Fels-Verrückte. Für Klassiker wie »Mosoraski« (5c) und »Velebitaski« (6a+) mit Tausenden von Wiederholungen empfiehlt sich sehr frühes Aufstehen, wenn man nicht schon am Einstieg anstehen möchte. Aber nicht alle Klassiker wurden saniert. Traditionelle Routen sind in letzter Zeit wieder mehr in Mode gekommen, denn für viele Kletterer sind sie die wahre Herausforderung. Gut also, dass die Parkverwaltung beschlossen hat, keine weiteren Sanierungen am Anica kuk vorzunehmen.
Kurz und nicht schmerzlos
Sportkletterer, die Einseillängenrouten oder Boulder bevorzugen, finden in Paklenica mehr und mehr Potential, denn die Erschließung ist noch lange nicht abgeschlossen. In letzter Zeit wurden vor allem kinder- und kursfreundliche Klettereien eingerichtet.
Klar, dass die ersten Routen am Eingang der Schlucht, ganz in der Nähe des Parkplatzes, zu finden sind. Charakteristisch sind senkrechte oder leicht überhängende Platten mit kleinen und vor allem scharfen Griffen. Es dominieren die unteren und mittleren Schwierigkeitsgrade. Einfacher Zustieg kombiniert mit ebenem Sicherungsgelände macht die Klettereien so beliebt.