Leseprobe aus "Superfrauen: 14 Bücher auf einer CD-ROM":
Eine der schillerndsten Spioninnen während des Ersten Weltkrieges war die niederländische Tänzerin Mata Hari (1876–1917), geborene Margaretha Geertruida Zelle. Die legendäre Agentin starb im Alter von nur 41 Jahren durch ein französisches Erschießungskommando. Ihr abenteuerliches Leben und ihr tragisches Ende standen mehrfach im Mittelpunkt von Romanen, Theaterstücken und Filmen.
Margaretha Geertruida Zelle kam am 7. August 1876 als Tochter des Hut- und Mützenmachers Adam Zelle und seiner Frau Antje van der Meulen in Leeuwarden (Niederlande) zur Welt. Sie war die einzige Tochter, hatte drei Brüder und wurde „Margreet“ oder „Griet“ genannt. Ab Januar 1883 wohnte die Familie im größten Wohnhaus von Leeuwarden. Der Vater verwöhnte die Kleine sehr. Wenn Griet mit ihrem eigenen Ziegenwagen durch die Straße fuhr, erregte sie großes Aufsehen.
Das Glück der Familie Zelle war nicht von Dauer. Der Vater geriet nach einigen erfolgreichen Jahren in finanzielle Schwierigkeiten, machte im Januar 1889 bankrott und verließ seine Familie. Nach der Trennung zog die Mutter mit den Kindern in eine Obergeschosswohnung. Die Ehe wurde am 4. September 1890 geschieden. Acht Monate später starb die Mutter am 9. Mai 1891 in Leeuwarden. Die Familie fiel auseinander.
Am 2. November 1892 zog Margreet nach Leiden, um eine Ausbildung zur Kindergärtnerin zu beginnen. Weil sich der Direktor der Schule in sie verliebte, musste sie diese jedoch verlassen. Danach wohnte sie bei einem Onkel in Den Haag. Im März 1895 antwortete braunhäutige und dunkelhaarige Schönheit auf die Heiratsanzeige „Offizier mit Urlaub aus Ostindien sucht Mädchen mit liebem Charakter, um eine Ehe einzugehen“.
Zum ersten Rendezvous zwischen der 18-jährigen und dem 39 Jahre alten Berufsoffizier Rudolph MacLeod, genannt John, aus der „Königlich-Ostindischen Armee“ kam es am 7. März 1895 im „Hotel des Indes“ in Den Haag. Sechs Tage später folgten die Verlobung und am 11. Juli 1895 die Hochzeit. Das Paar zog zu einer Schwester Rudolphs nach Amsterdam, wo am 30. Januar 1897 der Sohn Norman John geboren wurde.
Anfang Mai 1897 reiste die Familie nach Niederländisch-Ostindien, wo der Offizier MacLeod seinen Dienst antrat. In Toempong auf Ostjava kam die Tochter Jeanne Louise, „Non“ genannt, zur Welt. Zwischen den Eheleuten gab es wegen des selbständigen Auftretens von Geertruida, das der Ehemann als Ehebruch betrachtete, oft Streit.
Als die beiden Kinder des Paares vergiftet wurden und ein Arzt nur die Tochter retten konnte, gab MacLeod seiner Frau die Schuld am Tod des Sohnes Normann. Mit ihren Flirts habe sie die Kinder ihrem Schicksal überlassen. Ende 1900 quittierte der Offizier nach 28 Dienstjahren in den Tropen den Militärdienst. Im März 1902 kehrte das Ehepaar in die Niederlande zurück, wo Margreet im August 1902 die Scheidung einreichte.
Obwohl ein Gericht Margreet die Tochter zusprach und MacLeod zu monatlichen Unterhaltszahlungen verpflichtete, zahlte der Exgatte nicht. Als sich „Non“ vorübergehend bei ihm aufhielt, weigerte er sich, diese zu ihrer Mutter zurückzugeben.
1903 reiste die 26-jährige Margreet nach Paris, wohin nach ihrer Meinung alle Frauen gingen, die ihren Ehemann verlassen. Doch schon nach kurzer Zeit kehrte sie mittellos in die Niederlande zurück. 1904 fuhr sie erneut nach Paris, erhielt dort Tanzunterricht und debütierte erfolgreich als orientalische Tänzerin namens „Lady MacLeod“ im Salon von Madame Kiréeysky.
Bei weiteren Auftritten in Privatsalons fiel die gertenschlanke Margreet einem Monsieur Guimet auf, dem ein Museum für ostasiatische Kunst in Paris gehörte. Im „Musée Guimet“ trat Margreet am 13. März 1905 erstmals völlig nackt als indische Tänzerin „Mata Hari“ auf. Diesen malayischen Künstlernamen, der „Auge des Morgens“ oder „Sonne“ bedeutet, hatten sich Margreet und Guimet ausgedacht. Damals begann ihre schillernde Karriere.
Bei Interviews erzählte Mata Hari den Journalisten abenteuerliche Geschichten über ihre angebliche Herkunft. Sie flunkerte, das Tanzen habe sie gelernt, als sie in die heiligen Tempel Indiens eingedrungen sei, wo die Bajaderen (Tempeltänzerinnen) vor dem Altar der Göttin Shiwa tanzten. Ihr Mutter bezeichnete sie als indische Prinzessin, ihren Vater als Schotten oder Baron.
Den ersten Auftritt auf der großen Bühne des Olympiatheaters in Paris feierte Mata Hari am 18. August 1905. Im Januar 1906 tanzte sie im „Central-Kursaal“ in Madrid und danach in der Oper von Monte Carlo im Ballett „Le Roi de Lahore“ von Jules Massenet (1842–1912). Bald war sie die am besten bezahlte Tänzerin Europas. Ihre Nackttänze lockten zahlreiche Verehrer an, die für eine einzige Nacht mit ihr Tausende von Francs zahlten. Um ihre Gunst buhlten hochrangige Offiziere, Millionäre und Minister.
Im Frühjahr 1916 stand Mata Hari vermutlich mit dem deutschen Geheimdienst in Kontakt. Damals hielt sie sich in Köln und Frankfurt am Main auf und erhielt Anweisungen für die Verwendung von Geheimtinte. Sie bekam den Codenamen „H 21“ und 20000 niederländische Gulden. Am 16. Juli 1916 kam Mata Hari wieder nach Paris, wo sie sich in den merklich jüngeren, aber nicht sehr reichen Vadim de Massloff, einen Hauptmann beim Ersten Russischen Kaiserlichen Regiment für Sonderdienste, verliebte.
Um den in Vittel in einer militärischen Sperrzone kasernierten de Massloff besuchen zu können, musste sich Mata Hari an das Militärbüro für Ausländer wenden. Dort begegnete sie dem Leiter des französischen Geheimdienstes, Hauptmann Ladoux, der Mata Hari bat, Spionin für Frankreich zu werden. Im August 1916 nahm sie den Vorschlag an, in Brüssel für die Franzosen zu spionieren.
Am 6. November 1916 verließ Mata Hari Frankreich, um sich in Spanien in Richtung der Niederlande einzuschiffen. Nach Ankunft des Schiffes in Falmouth (England) wurde Mata Hari von Bord geholt, weil Scotland Yard sie für die deutsche Spionin Clara Bendix hielt. Bei der Vernehmung durch Sir Basil Thomson (1861–1939) zeigte sich zwar, daß Margreet nicht die Bendix war, aber man verdächtigte sie „unneutraler Handlungen“.
Weil Mata Hari leichtsinnigerweise über ihren Auftrag von Hauptmann Ladoux sprach, telegraphierte Sir Thomson nach Frankreich und bat Ladoux um Auskunft. Ladox antwortete, er wisse von nichts und bat Thomson, Mata Hari nach Spanien zurückzuschicken.
Ab 11. Dezember 1916 hielt sich Mata Hari drei Wochen in Madrid auf. Während dieser Zeit hatte sie Kontakt mit dem Militärattaché der deutschen Botschaft in Madrid, Arnold von Kalle. Am 2. Januar 1917 reiste sie aus Madrid nach Paris, besuchte Ladoux, der erklärte, er wisse von nichts. In der Folgezeit lebte Mata Hari in Paris, wo sie am 13. Februar 1917 in ihrem Zimmer im „Elysés Palace Hotel“ verhaftet wurde.
Weil Mata Hari im Verdacht stand, auch für die Deutschen zu arbeiten, hatten ihr die Franzosen eine Falle gestellt: Man gab ihr eine Liste von allen französischen Agenten, die hinter der deutschen Front agierten. Von den Namen der Agenten waren alle bis auf einen fingiert. Kaum war Mata Hari nach Spanien abgereist, wurde der eine Spion, von dem man in Paris wusste, dass er auch für die Deutschen arbeitete, verhaftet.
Der Verdacht gegen Mata Hari erhärtete sich, als diese aus Spanien nach Paris zurückkehrte. In Madrid hatten französische Geheimdienstagenten beobachtet, daß die Tänzerin den Chef des deutschen Nachrichtendienstes in Spanien, Leutnant von Kroon, besuchte.
Zum Verhängnis wurde Mata Haria ein auf der Funkstation des Eiffelturms in Paris abgefangenes chiffriertes Telegramm des deutschen Nachrichtendienstes aus Madrid an den Amsterdamer Agenten, den man anwies der Person „H 21“ 15000 Mark postlagernd zu überweisen. Der Text des Telegrammes konnte entschlüsselt werden, weil Untergebene hinter dem Rücken Leutnant von Kroons die Nachricht nicht in einem neuen, sondern in einem alten Code sandten, der den Franzosen bereits bekannt war.
Als man den Schalter der Geldausgabe überwachte, stellte man fest, dass Mata Hari sich einige Tage später den Spionagelohn auszahlen lassen wollte. Die Polizei nahm die Verdächtige fest. Bei ihrer Vernehmung beteuerte Mata Hari vergeblich, den deutschen Nachrichtenchef in Madrid nur ausgehorcht zu haben.
Mata Hari wurde in die Strafanstalt Saint-Lazare eingesperrt. Während der Verhöre in den folgenden vier Monaten fragte man sie auch über ihr bewegtes Liebesleben aus. Doch die Tänzerin schwieg über Einzelheiten ihrer Spionagetätigkeit und ihre männlichen Intimbekannschaften.
Die Franzosen warfen Mata Hari vor, die allierte Geheimwaffe – die Panzerentwicklung – verraten und damit den Tod von 50000 Menschen verschuldet zu haben. Dagegen ging aus zeitgenössischen Akten des britischen Geheimdienstes hervor, die am 27. Januar 1999 freigegeben wurden, dass sie offenbar nie wesentliche Geheimnisse an die Deutschen verraten hat.
Bei ihrem Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit am 24. und 25. Juli 1917 vor dem französischen Militärgericht sagte ein französischer Minister aus, selbst in den intimsten Stunden niemals von Mata Hari nach Staatsgeheimnissen gefragt worden zu sein. Ähnlich äußerten sich zahlreiche Offiziere aus Vittel. Trotzdem verurteilte eine siebenköpfige Jury Margarethe Geertruida Zelle, geschiedene Mac-Leod, genannt Mata Hari, wegen Spionage für Deutschland zum Tod. Kurz zuvor war sie zum katholischen Glauben übergetreten.
Am Morgen des 15. Oktober 1917 um 6.15 Uhr stand Mata Hari in einem Festungsgraben von Vincennes bei Paris vor dem Erschießungskommando. In ihren letzten Minuten tröstete sie eine katholische Schwester, die ihr beistehen sollte, und ihren Verteidiger, der in Tränen ausbrach. Die „starke Frau“ lehnte es ab, sich die Augen verbinden zu lassen.
Von elf Kugeln getroffen sank Mata Hari zu Boden. Danach trat ein Kavallerieoffizier zu ihr und gab ihr einen Kopfschuss. Einer der an der Exekution beteiligten Soldaten brach nach der Hinrichtung ohnmächtig zusammen. Auf dem Friedhof wurde nur eine Scheinbeerdigung vorgenommen. In Wirklichkeit stellte man den Körper der Toten der Anatomie zur Verfügung.
Mata Haris auf Java geborene Tochter „Non“ wurde 1950 während des Koreakrieges von Nordkoreanern auf dem Rückzug als eine von vielen Geiseln mitgenommen. Man beschuldigte sie, in Diensten der USA für die Truppen der Vereinten Nationen Spionage getrieben zu haben und verurteilte sie zum Tode.
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