Freeclimbing an der hiesigen Tankstelle? Gähn! Mountainbiking in der Einkaufspassage? Langweilig! Achterbahn, Looping, 280 mit der Kawa? Hatten wir schon.
Was sind das für Leute, die selbst über waghalsige Bungee-Springer nur mitleidig lächeln können? Unsere Fahrt führt an die Ostsee, genauer gesagt: an den Timmendorfer Strand. Es ist ein lauer Sommerabend. Auf der Promenade, inmittem der benerzten Schönheiten über Siebzig eine fröhlich-bunte Gruppe laut lachender Menschen. Wer oder was wir sind? "Skydiver!", keine Frage. Leute also, die im Himmel tauchen gehen? Das Rätsel löst sich: Auf dem benachbarten Sprunggelände findet wieder ein Boogie statt. Nein, kein klavierbegleiteter Tanztreff, sondern eine Sprungveranstaltung zu einem der vielen x-beliebigen Anlässe. Grund genug zum Feiern (Alk gibt"s jedoch erst abends!) und Fallschirmspringen: "Skydiven" eben. Auf dem Veranstaltungsgelände der Deutschen Meisterschaft trifft sich die Creme und alle, die nicht ausschließen, es einmal werden zu wollen.
Und ewig lockt"s das Weib
Jim Hotze, frischgebackener Weltmeister und Ausbilder an dem hier angesiedelten Schulungscenter: "Fallschirmspringen ist aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Wir bilden hier in diesem Jahr doppelt so viele Boys aus wie vor zwei Jahren." Boys? Verwundert blicke ich in die Runde. Rüdiger Nehberg wird gerade von einem Kränzchen Damen über seine Afrika-Erlebnisse ausgepresst, insgesamt sind gut ein Drittel der wild-romantischen Skydivergesellschaft im enganliegenden Springerdress unverkennbar weiblichen Geschlechts. "Ja", sagt Jim leicht errötend, "und much more wonderful girls". Fallschirmspringen ist also wieder im Trend. Sein Potential zieht es vor allem aus ehemaligen Tandemgästen, die endlich selber an der Reißleine ziehen wollen und auch viele Bungeespringer sind dabei, die Lust auf "richtigen Freifall" bekommen haben. Fallschirmspringen hat in jahrzehntelanger Reife seinen paramilitärischen Touch völlig abgelehnt und zieht seitdem auch viele Damen in seinen Bann. Die junge Skydiver-Generation hat die gleichförmige Kleidung, Springerstiefel und die grauen Rundkappen auf den Mist geworfen. Man jumpt jetzt bunt, beturnschuht, mit rechteckigen Gleitfallschirmen (Matratzen), die lenk-, brems- und steuerbar konzipiert sind. Individualität steht auf der Hitliste ganz oben. Skydiver wollen ihren Sport trotzdem nicht als In-Sportart abgetan wissen. Eberhard Ginger hat die Reckstange, an der er vor Zeiten Weltmeister geworden ist, nach seinem ersten Fallschirmsprung sofort losgelassen. Seine Riesenfelgen dreht er nur noch in der Luft: "Wer einmal Fallschirm gesprungen ist, für den erhält die Welt am Boden eine ganz andere Dimension. Er sieht alles eben mehr von oben." Entfaltungsmöglichkeiten in der Luft gibt es nicht nur für den Schirm: Competition im Kappenrelativ (Figurenbauen in der Gruppe bei geöffnetem Schirm), Formationsspringen (desgleichen im freien Fall), Zielspringen und seit Neuem: Freestyle, ein Ballet in der Luft mit Saltos, Felgen, Schrauben, Drehungen, während der Freestyler mit 25o-35o km/h der Erde zurast. Dazu gehört auch das "Skysurfen" bzw. "Skyboarden", bei dem der mutige Aspirant mit dem Brett unter den Füßen den Himmel in Schleifen abboardet.
Drogen ohne Ende
Wer sich der Tiefe in die Arme wirft, erfährt wohl etwas, was anderen sonst verschlossen bleibt: den "Air-gasmus", sagen die Skydiver selbst. Ist es die Überwindung des inneren Widerstandes? Ist es der völlig legale Rausch in einem Meer von körpereigenen Drogen, der Kick von Adrenalin, Endorphin und anderen wohlgefühlausgelösenden Hormonen? Für den Sport- und Philosophieprofessor G. Gebauer aus Berlin gehört die Idee vom "Tod im Rausch" einer "erotischen Themensphäre" an, die den Menschen gestärkt aus diesen Exzessen hervorgehen läßt. Springer als verkappte, inkonsequente Suizid-Aspiranten? Den Professor würden keine zehn Pferde aus einem intakten Flugzeug bringen. Der Arme! Er würde seine These sicherlich schon in der Luft zerreissen. Einen lebenslustigeren Ausschnitt aus der Gruppe der Menschheit, als es Fallschirmspringer offensichtlich sind, wird man nur selten treffen. Nicht nur wenn Jürgen Möllemann in Springerkombi am Platz erscheint, herrscht reges Gelächter. Die Integration in dieses fröhliche Völkchen vollzieht sich im freien Fall, Wirtschaftsminister bilden da wohl eher eine Ausnahme. Viele hier betrachten Fallschirmsport auch ausschließlich als ausgefallenen und erlebnisreichen Aktivurlaub.
Freizeitwelle Aktivurlaub
Schwarze Reiter auf dieser neuen Freizeitwelle schießen wie Pilze aus dem Boden. Auf Texel hatte man vor Jahren schon den richtigen Riecher und investierte Unsummen in ein grau-betonenes Springercenter. Die Unfallträchtigkeit der dort zum Einsatz kommenden Armee-Rundkappen und ungenügende Sicherheitsvorkehrungen fallen dabei gar nicht weiter auf: Seine versprochenen acht Sprünge eines Kurses kriegt hier sowieso kaum einer zusammen. Der Nordseewind bläst andauernd und kräftig über die Insel. Surfer lachen über die langgesichtigen Sprungwilligen: Wegen dieser konstanten Winde sind sie ja extra hierher gekommen. Manuela aus Düsseldorf besucht zum fünften Male den Anfängerkurs, die Fahrtkosten haben das Budget für den geplanten Fortgeschrittenenkurs längst aufgezehrt. Dieses Mal wird sie wohl das holländische Militärabzeichen ausgehändigt bekommen, das Ziel der Ausbildung. "Woanders als hier darf ich damit gar nicht springen", sagt sie bitter. Allen Anfängern empfiehlt sie einen Ausbildungsurlaub in einem der seriösen Centern in Deutschland, verbunden mit dem Erwerb einer weltweit anerkannten Lizenz. Etwa in dem bei München oder eben besagten an der Ostsee. Trau schau wem, keine Frage! Und das gilt erst recht für die Sicherheit, die hierzulande bekanntlich groß geschrieben wird. "Do you remember the times, when SEX was safer than SKYDIVING?" steht in roten Lettern auf dem T-Shirt eines Tandem-Masters. Der durchschnittliche Springer und Sprungschüler wird mit Helmfunkkontakt zu den fernbeglasten Ausbildern am Boden und in dem Flugzeug ausgestattet und springt mit einem Arsenal an Sicherheitssystemen, wie etwa dem FXC. Oder CYPRES, einem fieberthermometergroßen Mikrocomputer, der selbst einem Kartoffelsack zur rechten Zeit den Schirm öffnen und ihn heil und unbeschadet zu Boden bringen würde. Norbert Schillak, Ausbildungsleiter: "Dies sind alles natürlich nur Hilfsnetze, die erst wirksam werden, wenn der Springer sich fehlverhält. Denn Fallschirmspringen soll ja - trotz fortschreitender Technologie - vor allem Spaß machen." Und diese Freiheit und das aktive Verantwortungsbewußtsein läßt sich kein echter Skydiver nehmen.