Noch mehr unhöfliche Zeitgenossen - Teil 2 der Satire von Horatio Hudl
Begeben wir uns nun aus den einsamen Weiten des Baumarktes hinein in andere vertraute Territorien.
Ganz reizende Begebenheiten kann man auch in Lokalen erleben, wenn man nur an die richtige Bedienung gerät. In einer Pizzeria, wo ich hin und wieder zu Gast bin, weil man dort leider verdammt lecker isst, läuft das beispielsweise regelmäßig so ab: Man nimmt Platz, ohne begrüßt zu werden, während der Kellner wüst auf dem Tisch herumhantiert, um die Klecker- und Krümelspuren meiner Vorgänger notdürftig zu beseitigen. Dann klatscht er wortlos die Speisekarten auf den Tisch. Nach einigen Minuten kommt er wieder miesepetrig angeschlurft, bleibt mit gezücktem Stift und Block neben einem stehen und brummelt „Und?“. Sollte man noch nicht fertig gewählt haben, tippt er provokativ mit dem Fuß auf die Erde sowie mit dem Stift auf den Block und schaut genervt in der Luft herum. Sein Gesichtsausdruck ist ein einziger stummer Vorwurf: „Na, wird’s bald? Glauben Sie vielleicht, ich habe den ganzen Tag Zeit, hier auf ihre popelige Pizza-Bestellung zu warten?“
Zu den Pasta-Gerichten bin ich noch nie vorgedrungen. Ich traue mich einfach nicht, den Mann über Gebühr zu reizen.
Wenn es so etwas wie die hohe Kunst des Servierens gibt, dann gehören Menschen wie dieser zu den Banausen. Oder lag es wohl im Sinne des Erfinders, dass sich der Gast beim Tischdecken, Auftischen und Abräumen das Kreuz verrenken muss, damit ihm der Kellner nicht mit seinem Ärmel den Mund abwischt. Um es sich bequemer zu machen, langen diese Bedienungen auch gern einmal kurzerhand über die Schulter des Gastes auf den Tisch. Wer es schafft, rechtzeitig den Kopf zur anderen Seite zu werfen, entgeht einer Begegnung mit der schweißnassen Achsel.
Klar, dass der Kellner in besagtem Restaurant das Trinkgeld später wie selbstverständlich einstreicht, ohne dass ein klitzekleines „danke“ über seine Lippen kommt. Klar, dass der Gast nicht mehr rausrückt als die unbedingte Höflichkeitssumme.
Überschwängliche Unhöflichkeit, früher auch unter dem Namen Ungezogenheit bekannt, begegnet einem allerdings mittlerweile an jeder Straßenecke, bei beiden Geschlechtern, in allen Altersgruppen und sozialen Schichten, bei Vegetariern, Fleischessern, Linken, Rechten und Mittleren. Welche tieferen Ursachen diese kollektive Muffeligkeit hat, ist mir leider nicht bekannt. Die Frage würde den empirischen Sozialwissenschaftlern aber bestimmt genügend Stoff für ausgedehnte Feldstudien liefern und Psychologen dazu veranlassen, „depressive Störungen“ zu diagnostizieren.
Wie, so frage ich mich immer häufiger, kommt eigentlich der Kollege, der Busfahrer oder ein Passant, den ich lediglich nach dem Weg frage, dazu, mir seine schlechte Laune in Form eines fiesen Blickes oder einer patzigen Antwort entgegenzuschleudern? Die würden sich aber umgucken, wenn ich das auch täte. Dann würde ich keinem empfehlen, zum Beispiel meinen Weg zu kreuzen, wenn ich gerade einen Parkplatz in der Innenstadt gesucht habe oder zum Zahnarzt muss.
Ich finde, dieses „Sich-gehen-lassen“ und „sein wahres Gesicht zeigen“, hat so etwas Intimes an sich. Gehört sich das etwa bei wildfremden Leuten? Sicher bin ich auch nicht ständig gut drauf, aber zumindest, wenn ich meine vier Wände verlasse, kann ich mich doch beherrschen, sprich: mein Vokabular und die Gesichtsmuskeln einigermaßen unter Kontrolle halten.
Neulich fragte ich in meiner Naivität einige ältere, gut gekleidete Damen in der Fußgängerzone überaus freundlich nach der Uhrzeit, woraufhin ich eisig gemustert wurde und die schroffe Antwort bekam: „Na, sehen Sie denn nicht, dass da hinten über dem Laden eine Uhr hängt?!“. Na, vielen lieben Dank auch. Da fragt man sich schaudernd, wie solche Herzchen reagieren, wenn sie richtig sauer sind.
„Ich fühle Feindseligkeit und blanken Hass“, hauchte eine Darstellerin der „Startreck“-Fernseh-Serie neulich angesichts eines garstigen glibberigen Aliens in die Kamera und verzog angewidert das Gesicht. Komisch, genau das Gefühl hatte ich bei den feinen Damen auch.
Allein schon dieser Gesichtsausdruck, mit dem der „gemeine“ Mitbürger durch die Welt rennt: Mancher erweckt den Eindruck, als würde er sich ständig kräftig in die Zunge beißen, damit er nicht versehentlich zurücklächeln muss. Wenn Blicke töten könnten, würden Leichen seinen Weg pflastern. Meine Frau vertritt die Theorie, dass die Miesepeter ganz einfach ihre Schuhe zwei Nummern zu klein gekauft haben.
Wie auch immer, ich habe langsam die Nase davon voll, mit meinen höflichen Bemühungen um einigermaßen erträgliche Umgangsformen ständig gnadenlos aufzulaufen. Man fällt ja schon unangenehm auf, wenn man im Wartezimmer beim Zahnarzt den Kopf aus der drei Monate alten Illustrierten hebt, wenn jemand eintritt. Seit einigen Wochen trainiere ich täglich zehn Minuten diese verbiesterte Mimik vorm Spiegel, doch bisher leider nur mit dem Erfolg, dass mir die Augen tränen und die Wangenmuskeln schmerzen. Ein erster „Probelauf“ durch die Wohnung endete damit, dass mein kleiner Sohn mich mitleidig fragte: „Na, Papi, tut dir wieder dein schlimmer Backenzahn weh?“ Aber irgendwann kann ich das auch. Und dann laufe ich durch die Straßen wie Jack Nickolson als „Wolf“. Wage nur keiner, mich zu grüßen...
Bis dahin verbleibe ich leider mit freundlichen Grüßen.