Natur

Romus und Remulus - ein Nachruf



 

Wir alle kennen Rom, die ewige Stadt. Wir verbinden diese herrliche Stadt mit dem Kolosseum, dem Petersdom, dem Trevi-Brunnen und der Spanischen Stiege. Wir assoziieren Rom mit Liebe, Lärm und lauten Motorrollern. Rom, Symbiose aus Natur, Architektur und natürlich gutem Essen. Männer denken an den italienischen Fußball, Frauen  besuchen die Via dei Condotti auf der Suche nach extravaganter Kleidung und sündhaft teurer Kosmetik.

Wenn ich Titus Livius, einem römischen Geschichtsschreiber zur Zeit des Augustus Glauben schenken darf, wurde Rom etwas 750 v. Chr. gegründet. Erbaut wurde die Stadt von Romulus, dem Bruder des Remus. Romulus und Remus, jenes Brüderpaar, welches der Legende nach in einem Weidenkorb ausgesetzt wurde und von einer Wölfin, der Mamma Lupa, gesäugt wurde.

Die beiden Zwillinge haben ihr Leben also einem Wolf zu verdanken, einem Tier, welches durch den Menschen dämonisiert, gnadenlos gejagt und in weiten Teilen des gesamten Erdballs nahezu ausgerottet wurde. Der Mensch brauchte Platz, der Mensch nahm sich seinen Platz. Und er arbeitete präzise und sehr effektiv. Herdenwirtschaft oder freie Wölfe, für beides war kein Platz. Also musste die Kreatur weichen.

Homo homini lupus est“. Ich reiße jetzt dieses Zitat von Titus Maccius Plautus, einem römischen Komödiendichter, absichtlich aus seinem Zusammenhang, wie es auch der englische Staatstheoretiker Thomas Hobbes getan hat und missbrauche es für meine eigenen Zwecke.

Homo homini lupus est“, der Mensch ist des Menschen Wolf. Oder anders ausgedrückt, der Mensch verhält sich seinen Mitmenschen gegenüber unmenschlich. Dieser zweite Satz kann unbesehen stehen bleiben. Aber das Verhalten der Wölfe mit jenem der Menschen zu vergleichen, ist eine Respektlosigkeit an der Gattung Canis lupus. Kein Tier, keine Kreatur und schon gar kein Wolf kann mit einer derartigen Ignoranz und Zerstörungswut mithalten, welche die Gattung Homo sapiens an den Tag legt.

Die Menschheit mag bleiben, was sie seit Jahrhunderten oder vielleicht sogar Jahrtausenden war und immer bleiben wird: Eine reißende Bestie. Eines sollten wir aber bei all unserer Herrschsucht und unserem größenwahnsinnigen Geltungsdrang nicht aus den Augen verlieren. Nicht der Wolf verhält sich dem Menschen gegenüber wölfisch, sondern der Mensch zeigt unmenschliches Verhalten gegenüber dem Wolf. Doch die Gattung Canis lupus steht nur stellvertretend für so vieles, was wir im Laufe unserer Geschichte bereits ausgelöscht und unwiederbringlich verloren haben.

Alle Wege führen nach Rom. Vielleicht nicht für jeden, aber zumindest für viele, welche diese wunderbare Stadt schon einmal besucht haben. Was aber wäre, wenn Romulus und Remus in unserer heutigen Zeit leben würden ? Was wäre, wenn die beiden Zwillinge eine säugende Wolfsmutter um des Überlebens willen notwendig hätten ? Rom wäre bereits dem Untergang geweiht, noch ehe es gegründet und aufgebaut wäre. Rom würde nie existieren und in den Geschichtsbüchern Erwähnung finden. Denn zu dieser Stadt gehört ein liebender Wolf, ein Wolf in freier Wildbahn. Und um diesen in unserer heutigen Zeit zu finden, bedarf es viel Glück. Jenes Glück, welches die beiden Brüder damals, vor langer, sehr langer Zeit noch hatten.

Wer also Rom zum ersten Male besucht oder das Glück hatte, schon mehrfach dort zu verweilen, möge vielleicht daran denken, dass ein von uns Menschen mitleidslos verfolgtes Tier für dessen Gründung mit verantwortlich ist.

Sei die Geschichte von Romulus und Remus und der säugenden Wölfin nun Legende oder möglicherweise auch mit einem Funken Wahrheit versehen, eines ist gewiss: Wenn wir weiterhin unsere Umwelt, Flora als auch Fauna, mit der uns eigenen Dekadenz und Missachtung behandeln, wird irgendwann auch das Lebewesen Wolf zur Legende.

Denken Sie vielleicht einmal daran, wenn Sie auf einem der sieben Hügel der ewigen Stadt stehen, so wie einst die beiden Brüder Romulus und Remus und Mamma Lupa, die menschliche Wolfsmutter.


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