Von
L. Norman Neruda.
»Ein Held Dietrich"s von Bern zerstörte den Rosengarten. Der Gotenkönig selber überwältigte, vom Rate seines Waffenmeisters Hildebrand von Gart unterstützt, zuerst den König der Zwerge und sodann all sein Volk.« — »Von der Zeit an ist der Rosengarten versunken und den Eingang zu seinen Wundern vermag Niemand mehr zu finden.« — »So lautet die Überlieferung von der untergegangenen Herrlichkeit, wir aber lassen uns an der vorhandenen und von der Tagessonne beschienenen begnügen.« — So schreibt Heinrich Noe, der alpine Prosa-Dichter.
Wenn wir den Rosengarten als Gruppe auffassen, so lehrt uns die Vergangenheit, dass nicht nur vor langen Zeiten der Eingang zu seinen Wundern
wiedergefunden wurde, sondern auch der Ausgang aus diesen in friedliche Täler und auf freundliche Weiden; das letztere dürfte für diejenigen, welche damals einzelne Pässe zu überschreiten hatten, mit größerer Freude begrüßt worden sein, als wenn es ihnen gelang, den Eingang zu finden. Aber, wenn auch der Eingang zu den Wundern wiedergefunden wurde, — wenn er überhaupt jemals verloren ging —, so will das doch nicht sagen, dass diejenigen, welche ihn fanden, der Wunder gewahr wurden, welche sich heutzutage jedem Alpinen- und Kunst-Laien verschwenderisch darbieten; denn im Ganzen genommen waren die damaligen Passüberschreiter von jener ewig währenden, alles überdauernden Schichte der Gesellschaft, welche bloß dem Nutzen nachstrebt und höchstens ihr Geld im Spiel und beim Trunk daransetzt, und Schafe, Rinder und Weiber mit bewundernden Blicken beachtet. Eine rühmliche Ausnahme freilich dürfte jener Kirchenfürst gemacht haben, welcher einstens die jetzt Grasleitenpass benannte Einsenkung zwischen Kesselkogel und Kleinem Valbuonkogel von Westen überschritt, um den Gläubigen im Fassatale aus dem Füllhorne der kirchlichen Gnaden zu spenden. Er ruhte auf jener Einsenkung nach den Mühen des Anstieges — und, wenn man gewollt hat oder noch will, dass deshalb der Grasleitenpass »Fürstenstuhl«, oder ins Italienische übertragen »Sella del Principe« genannt werde, so hat man nicht so Unrechtes gewollt. Ob aber der Bischof die Augen dazu hatte, die Wunder zu sehen, ist mir unbekannt. Jedenfalls lebte er in einer Zeit, in der es noch nicht Mode war, Berge schön zu finden. Da es jedoch heutzutage Mode geworden ist, auch die weniger liebliche Seite der Natur zu bewundern, so ergießt sich auch über einzelne Passübergänge der Rosengartengruppe ein nicht unbedeutender Strom von Wanderlustigen, und bei schönem Sommerwetter wird man sicher sein, dass täglich die eine oder andere Spitze von mehr oder weniger geübten Felskletterern mit Führern und ohne Führer bestiegen wird, ja oft kann man von einem Gipfel Bekannten oder Unbekannten zurufen, oder sogar eine lebhafte Zwiesprache halten. Denn in einzelnen Teilen unserer Gruppe stehen die schlanken Türme dichtgedrängt, und jährlich finden eifrige Entdeckungsreisende den einen oder den anderen Turm, den sie rasch ihren fauleren Rivalen, die sich"s in den Gaststuben St. Ulrichs oder Campitellos wohl ergehen lassen, wegschnappen und benennen. Geht das so weiter fort, so wird auf den Karten i : 75 000 bald kein Raum mehr für die vielen Namen sein. Ein Beispiel genüge. Im Jahrgang 1884 der »Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins« kennt Herr Gottlieb Merzbacher bloß drei Türme von Vajolet, später wurden deren fünf, und seit einigen Jahren ist noch ein sechster entstanden. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, dass, bevor es Herrn Delago gelang, diesen sechsten, jetzt Delagoturm genannten Gipfel zu erreichen, viel darüber gesprochen wurde, ob er wirklich ein Gipfel oder Turm für sich sei, oder bloß ein Auswuchs des Stabelerturms. Ich verfocht die Ansicht, er sei gerade so gut ein einzelner Turm, wie der Stabelerturm. Endlich entschieden die Klügsten, er sei ein Turm für sich, wenn er sehr schwer zu besteigen sei, sonst aber nicht. Er war schwer zu ersteigen — deshalb war er ein Turm. Also sind gewisse Türme nur dann Türme, wenn sie schwer zugänglich sind!
Touristisch wurde die Rosengartengruppe zuerst im Jahre 186o von Churchill besucht. Er erstieg den Ciampedie am 25. August. Aber erst zwölf Jahre später kamen C. C. Tuck er und J. H. Cars an und eroberten die höchsten Erhebungen, den Kesselkogel und die Rosengartenspitze. Der Schlern wurde schon viel früher bebucht — jedenfalls schon vor Jahrhunderten; aber, obwohl das Schlernmassiv auch als zur Rosengartengruppe gehörend anzusehen ist, hat seine Besteigungsgeschichte nichts mit derjenigen der übrigen Teile der Gruppe zu tun, weil erst lange nachdem der Schlerngipfel erreicht worden war, Touristen sich mit ihm befassten.
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