Als Gründerin des Seniorenschutzbundes „Graue Panther“, der Generationenpartei „Die Grauen – Graue Panther“ und mehrerer Bürgerinitiativen tat sich die deutsche Politikerin Gertrud (Trude) Unruh, geborene Kremer, hervor. Sowohl der Seniorenschutzbund als auch die Generationenpartei setzen sich engagiert für die Probleme älterer Menschen ein.
Trude Kremer wurde am 7. März 1925 als uneheliches Kind der Gesellschaftsdame Gertrud Kremer in Essen geboren. Sie wuchs bei ihrem Großvater Willi Kremer und seiner Frau Gertrud in Essen auf. In ihrer Geburtsstadt besuchte sie die Volksschule, Berufsschule und das Kruppsche Bildungswerk.
Ab 1941 arbeitete die 16-jährige Trude Kremer in der Hauptverwaltung der Firma Krupp in Essen, der damals größten Waffenschmiede der Welt. Im Alter von 17 Jahren heiratete sie 1942 in dem niedersächsischen Dorf Nordstemmen den Schwerkriegsbeschädigten Helmut Unruh (1923–1993).
Wegen der immer verheerenderen Bombenangriffe versetzte man den Stab von Krupp 1942 nach Breslau (Schlesien). Trude war damals die jüngste Geheimnisträgerin. Aus Breslau flüchtete die 19-Jährige vor den heranrückenden Russen nach Nordstemmen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war Trude Unruh in verschiedenen eigenen Firmen tätig. Während ihrer Berufstätigkeit bildete sie sich über Volkshochschulen, Stiftungen und private Führungsseminare weiter. Ihr Mann wirkte als Manager.
Im April 1968 zog Trude Unruh mit ihrer Großfamilie – sie, ihr Mann, die Söhne Helmut (geb. 1955) und Ingbert (geb. 1959) und die Schwiegereltern – nach Wuppertal (Nordrhein-Westfalen). Weil es ihr gefiel, dass der Politiker Gustav Heinemann (1899–1976) wegen der Wiederaufrüstung aus der „Christlich-Demokratischen Union“ (CDU) austrat und sich der „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD) anschloss, wurde sie ebenfalls SPD-Mitglied. Sie bezeichnete sich als „politische Tochter Gustav Heinemanns“.
In der SPD machte sich Trude Unruh für Gesamtschulen und für bessere Bildungschancen von Frauen stark. Außerdem wollte sie schon immer, dass Männer und Frauen überall gleich vertreten sind, obwohl sie sich nicht als Feministin betrachtete.
1969 gründete Trude Unruh ihre erste Bürgerinitiative für die Fris-tenregelung bei der Abtreibung. 1973 trennte sie sich von der SPD, als ihr Wunsch nach einem Landtagsmandat unerfüllt blieb. Im selben Jahr wurde sie Mitglied der „Freien Demokratischen Partei Deutschlands“ (F.D.P.), verließ diese aber 1978 wegen ihres Antrages zur Abschaffung des Extremistenerlasses.
1975 hob Trude Unruh in Wuppertal den Seniorenschutzbund „Graue Panther“ aus der Taufe. Den Anstoß dafür gab eine Freundin ihrer Schwiegermutter, die in ein Siechenheim mit 20-Bett-Zimmern eingeliefert wurde. Nachdem sich die Schwiegermutter dies angesehen hatte, forderte sie Trude Unruh auf: „Mach mal was!“ Diese Anregung fiel auf fruchtbaren Boden, denn das Leben von Frau Unruh ist von Zivilcourage und Idealismus geprägt.
1979 arbeitete Trude Unruh kurze Zeit mit der rechtsökologischen „Grünen Aktion Zukunft“ zusammen, die 1978 von dem Politiker Herbert Gruhl (1921–1993) ins Leben gerufen worden war. Vorübergehend – von 1979 bis 1980 – gehörte sie zur „Bürgerpartei“ von Hermann Fredersdorf und Bolko Hoffmann.
Mit aufsehenerregenden Aktionen und Demonstrationen erzielten die „Grauen Panther“ bald beachtliche Erfolge: Gegen Ende der 1980-er Jahre zählten sie bereits 30000 Mitglieder und besaßen 170 Außenstationen.
Nach der Devise „Wir lassen uns nichts gefallen“, kritisierte Trude Unruh kämpferisch und lautstark skandalöse Zustände in Altenheimen. Außerdem versuchte sie, Änderungen im sozialen Netz und im Rechtssystem zugunsten älterer Menschen durchzusetzen. Eine Vorstandskollegin der „Grauen Panther“ lobte Trude Unruh, wo sie auftauche, passiere etwas.
Bevor die Grünen 1983 in den Bundestag einzogen, vereinbarte die parteilos Trude Unruh mit ihnen einen „Sprachrohr-Vertrag“, in dem sich die Umweltpartei verpflichtete, die Interessen der „Grauen Panther“ im Parlament zu vertreten. Ein Ergebnis dieser Zusammenarbeit war der Gesetzentwurf für eine staatliche Mindestrente. 1983 gründete Frau Unruh die Zeitschrift „Graue Panther“.
Bald genügte Trude Unruh der „Sprachrohr-Vertrag“ mit den Grünen nicht mehr. Bei den Bundestagswahlen 1987 zog sie als Parteilose über Platz 3 der nordrhein-westfälischen Landesliste der Grünen ins Parlament. Diese Politisierung des Seniorenschutzbundes fand nicht die Zustimmung aller Mitglieder. Ein Teil der „Grauen Panther“ sah die parteineutrale Satzung verletzt und verließ den Seniorenschutzbund in Form von Selbsthilfegruppen. 1987 gründete Frau Unruhe die „Graue Panther-Bundesakademie für Selbstverwaltung“.
1989 wichen die Grünen von der Mindesrente á la „Beamten-Mindestpension“ ab, denn eigentlich – so hieß es – müsste man den Alten die Rente kürzen, weil sie an Hitler und am Zweiten Weltkrieg schuld seien. Zudem wurden Listenplätze für die Europawahl verweigert.
Bei der Jahreshauptversammlung des Seniorenschutzbundes „Graue Panther“ im Juli 1989 plädierte die Mehrheit für die Gründung einer eigenen Partei namens „Die Grauen. Graue Panther“ mit Trude Unruh an der Spitze. Ziel der neuen Partei sollte das Werben für „Verständnis und Zusammenarbeit zwischen den Generationen“ sein.
Im August 1989 wurde die neue Partei „Die Grauen. Graue Panther“ aus der Taufe gehoben. Daraufhin forderten „Die Grünen“ Trude Unruh auf, ihr Bundestagsmandat niederzulegen, was diese jedoch nicht tat, weil es ein Graue Panther-Mandat sei.
Mitte September 1989 schlossen „Die Grünen“ Trude Unruh aus ihrer Fraktion aus. Danach blieb sie bis zum Ende der Legislaturperiode 1990 als fraktionsloses Mitglied weiter im Bundestag. Ungeachtet der Parteigründung blieb der Seniorenschutzbund „Graue Panther“ eine eigenständige überparteiliche Organisation.
Als Bundestagsabgeordnete forderte Trude Unruh die Grundrente für alle in Höhe von 1200 Mark, die totale Autonomie für Alte bei der freien Wahl der Altenpflege, die freie Entscheidung zugunsten der Homöopathie und für den Freitod. Ablehnend stand sie dem Abtreibungsparagraphen 218, der Atomkraft, Raketen und der „Wohlstandsmafia“ der Sozialbehörden gegenüber.
Bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 erreichten „Die Grauen“ mit 0,8 Prozent der Stimmen nicht den Sprung ins Parlament. Aber sie überwanden die 0,5 Prozent-Hürde, ab der den für den Bundestag kandidierenden Parteien die öffentlichen Mittel der Wahlkampfkostenerstattung zustanden. Auf diese Weise erhielt die Generationenpartei 2,5 Millionen Mark.
1991 gründete Trude Unruh das Generationenbildungswerk „Graue Panther Nordrhein-Westfalen e. V.“. Ihr Ehemann Helmut Unruh starb am 18. September 1993 im Alter von von 70 Jahren. Am 16. Oktober 1994 erhielten „Die Grauen“ bei der Bundestagswahl 0,5 Prozent der Stimmen.
1996 wurde das Generationenbildungswerk zum Träger der bundesweiten „Trude Unruh-Akademie“. Im selben Jahr gründete Trude Unruh die Ausbildungsstätte mit modellhaftem Pflegedienst „Chef ist der betroffene Mensch“, den „Bundesverband Graue Panther e. V.“ mit Sitz in Berlin als Dachverband des Senioren-Schutz-Bundes „Graue Panther“-Vereine Deutschlands und die bundesweite Graue Panther Stiftung mit Sitz in München.
Trude Unruh schrieb die Bücher „Aufruf zur Rebellion“ (1984), „Trümmerfrauen“ (1987), „Tatort Pflegeheim“ (1989), „Grau kommt – das ist die Zukunft“ (1990) und „Schluß mit dem Terror für Alte“ (1991). Der Familienname Unruh ist für die wortgewaltige Politikerin ein Programm. Am 24. Mai 1996 erklärte die 70-jährige in einem Interiew mit der „Frankfurter Rundschau“, sie werde von ihrem Ziel, die Menschenwürde im Kapitalismus anzustreben, nicht abweichen. Den Weg dorthin bezeichnete sie als „Trudismus“.
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