Literatur

Übersetzungen deutschsprachiger Literatur ins Niederländische



Spätestens seit dem Mittelalter liefern Übersetzungen fremdsprachiger literarischer Werke einen wichtigen Beitrag zur Bereicherung des literarischen Lebens in den Niederlanden und in Flandern. Vor allem im 18. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ahmte man in den Niederlanden besonders leidenschaftlich Fremdes nach. Aber auch im zwanzigsten Jahrhundert und vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg ist der Anteil der Übersetzungen an der niederländischen literarischen Produktion noch immer besonders hoch, der deutsche Anteil ist zwar bedeutend geringer geworden, aber immerhin noch beträchtlich. Dabei wird die Liste der Übersetzungen eindeutig von Unterhaltungsschriftstellern angeführt. Von den etwa 10.000 Übersetzungen (inklusive Neuauflagen) aus dem Deutschen, die zwischen 1945 und 1995  in den Niederlanden und in Flandern erschienen, entfällt fast ein Drittel auf die Unterhaltungsliteratur. Schon alleine von Heinz Günther Konsalik und Hedwig Courths-Mahler erschienen zwischen 1945 und 1995 insgesamt über 1.000 Übersetzungen (inklusive Neuauflagen). Sehr beliebt sind auch die Bücher von Karl May, Hans Hellmut Kirst  und Conrad Kobbe.  Bei den übrigen zwei Dritteln der Übersetzungen aus der Zeit 1945-1995 sind Heinrich Böll und Franz Kafka, deren Oeuvre fast komplett (und dies in mehreren Auflagen) auf Niederländisch vorliegt, absolute Spitzenreiter. Auch die Werke Hermann Hesses (die Übersetzung von "Der Steppenwolf"wurde 1994 zum 18. Mal aufgelegt), Erich Kästners, Günter Grass" (die Übersetzung von "Die Blechtrommel" wurde 1996 zum  20.  Mal aufgelegt), Friedrich Dürrenmatts und Max Frisch" wurden fast alle übersetzt, genauso wie die Werke von Elias Canetti, Joseph Roth, Rainer Maria Rilke, Thomas Bernhard und Peter Handke.

Die Qual der Wahl – was wird übersetzt?

Das Bild, das man sich in den Niederlanden und in Flandern aufgrund der vorliegenden Übersetzungen von der deutschsprachigen Literatur machen kann, weicht in manchen Fällen  sehr stark von der literarischen Realität im deutschsprachigen Raum ab. Die Werke von Autoren  wie Karl Kraus, Erich Fried und Heimito von Doderer zum Beispiel, an deren Bedeutung im deutschen Sprachraum wohl kaum noch jemand zweifelt, wurden bis jetzt kaum oder gar nicht übersetzt.  Es kommt auch öfters vor, dass Werke erst Jahre nach der Ersterscheinung auf Deutsch ins Niederländische übertragen werden. So erschien Robert Musils Opus Magnum  "Der Mann ohne Eigenschaften" erst Ende der achtziger Jahre auf Niederländisch. Die Bücher Elias Canettis wurden erst nach der Nobelpreisverleihung 1981 von den niederländischen Verlagen entdeckt.

Für die Tatsache, dass bei der Wahl der zu übersetzenden Werke sehr selektiv vorgegangen wird,  gibt es verschiedene Erklärungen. Zunächst einmal entscheiden sich die Verleger, für die Übersetzungen immer ein zusätzliches Risiko bedeuten, meistens für Bücher, die in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz selbst großen Erfolg haben und ihrer Tendenz nach auch für nichtdeutsche Leser verständlich sind. Ein gutes Beispiel dafür ist der Roman "Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders" (1985), der bereits 1985 auf Niederländisch übersetzt wurde. Der große Erfolg des Süskindschen Romans (1986 erschien schon die 4., 1999 die 36. (!) Auflage) führte dazu, dass auch die Romane "Der Kontrabass" (1984, ndl. 1986) und "Die Taube" (1987, ndl.  1987) fast sofort nach Erscheinen in Deutschland auf Niederländisch übersetzt wurden. Dass es nach der Übersetzung eines Werkes auch noch zur Übersetzung anderer Werke desselben Autors kommt, hängt in den meisten Fällen aber nicht nur vom weiteren Erfolg des Schriftstellers im deutschen Sprachraum ab, sondern auch und vor allem vom Erfolg der ersten niederländischen Übersetzung.

Ob ein Autor aus dem deutschen Sprachraum ins Niederländische übertragen wird, hängt auch von der Art und Weise ab, wie sich dieser Schriftsteller in seinen Büchern mit den politischen Entwicklungen in seinem Vaterland auseinandersetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Entwicklung der neueren deutschen Literatur in den Niederlanden und (in geringerem Maße auch) in Flandern mit großem Misstrauen verfolgt. Die Kritiker waren nicht gewillt, der deutschen Literatur das Ansehen, das sie in der Zwischenkriegszeit durchaus hatte, ohne Widerstand zurückzugeben. Eine Ausnahme machte man lediglich für jene deutschsprachigen Autoren, die dem Nazi-Regime zum Opfer gefallen waren, sich gegen Hitler gewehrt oder erst nach dem Krieg zu schreiben angefangen hatten und der sozial-politischen Entwicklung im eigenen Land kritisch gegenüber standen. Die kritischen Auseinandersetzungen mit den Gespenstern der Vergangenheit, wie wir sie von Thomas Bernhard, Günter Grass und Heinrich Böll kennen, werden von den niederländischen und flämischen Kritikern interessanterweise nicht als Teil einer in Österreich und Deutschland stattfindenden Debatte über die Vergangenheit gesehen, sondern als "Zeugen der Anklage", als Bestätigung der Vorurteile über Österreichs und Deutschlands Umgang mit der Vergangenheit. Die Autoren, die von manchen Österreichern und Deutschen als Nestbeschmutzer (und dies im Sinne der Definition von Helmut Qualtinger, nach dem man nicht denjenigen, der ins Nest "hineinmacht" Nestbeschmutzer nennt, sondern den, der dann kommt und sagt: "Da stinkt"s") beschimpft werden, gelten für die Kritiker im niederländischen Sprachraum nicht als Beispiele für die Tatsache, dass es im deutschen Sprachraum viele Leute gibt, die mit der eigenen Gesellschaft kritisch umgehen, sondern ausschließlich als Lieferanten von Gegenbildern. Je schärfer der Autor mit dem eigenen Land ins Gericht geht, um so größer sind die Chancen, dass seine Werke ins Niederländische übersetzt werden.

Selbstverständlich beschränkt sich die Rezeption dieser Autoren  – auf die ich hier leider nicht weiter eingehen kann – nicht auf diesen einen (politischen) Aspekt. Autoren wie Grass, Bernhard und natürlich auch Handke werden in erster Linie wegen ihres virtuosen Umgangs mit der Sprache gefeiert und gelesen. Ob deutschsprachige Bücher ins Niederländische übertragen werden oder nicht, hängt auch von der Frage ab, in welchem Maße sie zur Spracherneuerung beitragen und  an bestimmte Entwicklungen in der niederländischen Literatur anknüpfen  (oder angenehm davon abweichen). Es ist in den Niederlanden und in Flandern fast Tradition geworden, dass ausländische Literatur von niederländischen und flämischen Schriftstellern übersetzt wird. Welche Bücher sie übersetzen hängt in erster Linie von der Affinität ab,  die sie zu den Autoren der Originale verspüren. Die Schriftsteller bauen eine eigene Sprachwelt auf. Um das eigene Sprachterritorium und das dazu gehörende Instrumentarium zu erweitern, sehen sie sich oft in der ausländischen Literatur um. Das Übersetzen von literarischen Werken bildet eine vitale Verbindung zwischen Lesen und Schreiben und gibt dem übersetzenden Schriftsteller die Möglichkeit, seiner eigenen Arbeit einen breiteren Kontext zu verleihen und sich mit den Sprachformen seiner Kollegen vertraut zu machen.

 

 


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