Arbeit

Wandern - bergsteigen - Wilder Kaiser - Wanderungen - Tirol



Der Wilde Kaiser.
Von
Joseph Enzensperger

Wanderungen.
Die Tour »rund um den Wilden Kaiser«.
Diese zweitägige Rundtour ist ebenso sehr jenen Wanderern zu empfehlen, die sich nicht an den schroffen Felsgipfeln versuchen und doch mit geringer Mühe eine Fülle bald lieblicher, bald großartiger Bilder genießen wollen, wie auch berggewandten Alpinisten, welche vor oder nach dem Besuche der stolzen Gipfel einen Gesamtüberblick über das Gebirge gewinnen wollen; den letzteren ist diese Tal- und Jochwanderung ganz besonders deswegen anzuraten, weil auf ihr die charakteristischen Unterschiede zwischen den einzelnen Teilen und den verschiedenen Seiten des Gebirges viel mehr ins Bewusstsein treten, als dies bei der Ersteigung der einzelnen Spitzen der Fall ist.
Wir verlassen das inndurchrauschte, von der auf steilem Mauerwall gelegenen Festung beherrschte Kufstein und gelangen nach 1 1/2 stündigem Marsche über üppige Wiesen, durch Getreidefelder und schattigen Wald zum Fuße der »Steinernen Stiege«, wo wir das Weissbachtal verlassen, um zu dem jenseits der sperrenden Schranke des Eiberges liegenden Hintersteiner See zu gelangen. Als wohlversicherter Treppenweg leitet die Steinerne Stiege an einer fast senkrechten Wand in die Höhe ; und je höher wir steigen, desto freier und umfassender wird der Blick nach Westen in das weite und offen daliegende, vom Silberbande des Inns durchzogene Tal. Noch entzieht sich der Wilde Kaiser dem Auge des ungeduldigen Wanderers ; aber wenn wir die Höhe der Wand erreicht haben und nunmehr abwärts schreiten zu des wackeren Widauer"s Gasthaus am Hintersteiner See, dann entfaltet sich majestätisch der westliche Teil des Gebirges, dessen ganze südliche Flanke sich uns nunmehr auf dem vierstündigen Marsche bis St. Johann in immer wechselnden Bildern entrollt. Weit hinauf aus der mit üppiger Vegetation bedeckten Talsohle zieht nach beiden Seiten welliges Mittelgebirge, dessen üppiges Grün seltsam mit den bleichen Felsmauern des Kaisers kontrastiert, der schroff aus den zahmen Formen hervorwächst. Noch fehlt die wilde Großartigkeit des Nordabsturzes, aber die Bilder, die hier vor unseren Augen vorüberziehen, sind lieblicher, weicher und malerischer als jene anderen, welche mehr scheue Bewunderung als ästhetische Freude hervorrufen. In 21/2 Stunden von Hinterstein gelangen wir nach dem reizenden Dorfe Elmau, in dessen zwei trefflichen Gasthäusern der Fremde so gut aufgehoben ist, wo alttirolische Küche und Keller und bieder-freundliche Aufnahme noch nicht, wie fast schon überall im schönen Land Tirol, durch hohles modernes Gepränge mit den dazu gehörigen ellenlangen Rechnungen vertrieben ist. Wohlgestärkt setzen wir nach einem angesichts der nunmehr in voller Länge ausgebreiteten Kette des stolzen Felsgebirges verträumten Nachmittag, in abendlicher Kühle den Weg nach dem vom Goinger Kaiser beherrschten St. Johann fort, in dessen von der Kultur schon mehr beleckten Burgfrieden wir unser Nachtquartier nehmen.
Am nächsten Tage winkt uns eine etwas größere Anstrengung, sodass wir gut tun, zeitig morgens das Lager zu verlassen. Ein mäßig steigendes Sträßchen führt uns in nördlicher Richtung nach Gasteig und überschreitet den wenig ausgeprägten Sattel, der das Kohlntal vom Gebiete der Grossen Ache trennt. Und jetzt wechselt mit einem Schlage die Szenerie : wir treten aus dem Reiche des Lieblichen in das Reich des Furchtbaren und Erhabenen, das uns, seine wilde Majestät von Stunde zu Stunde steigernd, für lange in seinem Bannkreis halten wird. Die großartigen Ostabstürze des Gamsfluchtkammes treten uns zuerst entgegen, und wenn wir um den mächtigen Eckpfeiler der Lärcheckspitze herum nach Westen in das Kaiserbachtal biegen, so beginnen die Bilder schnell wie in einem Kaleidoskop zu wechseln. Die furchtbaren Wände fangen an bis zur tiefliegenden Talsohle selbst niederzubrechen ; auf die gewaltige Felsumrahmung des Griesener Kares folgen, wenn wir von der Griesener Alm auf bequemem Pfade zum Stripsenjoch ansteigen, zwischen den gigantischen Türmen des Predigtstuhles und der Fleischbankspitze der tiefe Einschnitt der Steinernen Rinne und darauf der todeseinsame Kessel des Schneeloches, den eine Riesenfaust in das weichende Gewände geschlagen zu haben scheint; und wenn wir auf der Höhe des Stripsenjoches stehen, dem direkt gegenüber sich die Mauern des Totenkirchels erheben, so erschließt sich plötzlich der Blick auf die gewaltigen Felsstöcke der drei Halten und des Sonnecks, während zu Füssen das waldesdunkle Kaisertal sich dehnt und weit draußen am Horizont der Guffert und der Schliersee - Tegernseer Bergkranz erscheinen.
Der mehr als meterbreite Weg schlängelt sich, in einer Terrainfalte verborgen, in sanften Serpentinen zur Tiefe und biegt dann plötzlich scharf links zu einer fast ebenen Bergwiese ab, der »Wiese am Neustadler Holzschlag«. Des Wanderers Fuß, der diesen Platz betritt, bleibt unwillkürlich von selber stehen. So oft ich auch schon dies unendlich erhabene Bild gesehen, immer wieder greift es mir tief in die Seele und zwingt mich zu andächtiger Bewunderung.
Träumerisch, fast wie ein See, liegt in stillem Frieden die tiefgrüne Fläche da, eingefasst von hochstämmigen Fichten, darüber aber bäumt sich urplötzlich — blendend-weiß, wenn die Sonne darauf leuchtet, in finsterer Tücke, wenn eilende Wolken ihre Schatten darauf werfen, aber immer in grandioser Majestät — die Riesensäule des Totenkirchels in die Lüfte. Im Hintergrunde des Hohen Winkels erhebt sich in stolzem Schwunge der in unzählige Türme und Türmchen von wundersamer Form zersplitterte Kopfthörlgrat der Elmauer Halt, während zur Rechten der gelbe Riesenabsturz der Kleinen Halt das Bild schließt, von dem man sich kaum zu trennen vermag.
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