Literatur

Wenn die Blätter fallen, wächst die Einsamkeit


Gedanken über eine Zeiterscheinung, die viele Menschen heimsucht

Leseprobe aus dem Taschenbuch „Am liebsten heiter“   von Karl Heinz Hock:

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“. Diese Aussage, mit der Gott nach den Worten der Bibel die Erschaffung Evas begründet, schließt alles ein, was moderne Soziologen kaum besser über die Natur des Menschen formulieren können: Der Homo sapiens sapiens, das einzige noch lebende Mitglied der Gattung Homo aus der Familie Hominidae, ist nicht als Einzelgänger programmiert. Er ist auf andere angewiesen. Das beginnt mit der Geburt und endet mit dem Sterben. Weil ihm angeborene Instinkte fehlen, muss er seine Erfahrungen und Erkenntnisse durch Überlieferung, Erziehung und Lehre von Generation zu Generation weiterreichen. Jede Kultur beruht auf dem gemeinsamen Besitz der geistigen Güter gegenwärtiger und vergangener Geschlechter. „Selbst das größte Genie würde nicht weit kommen“, sagte Goethe zu Eckermann, „wenn es alles seinem eigenen Innern verdanken wollte. Das aber begreifen sehr viele junge Menschen nicht und tappen mit ihren Träumen von Originalität ein halbes Leben im Dunkeln.“ Realitätssinn eines großen Denkers, dessen Urteil unverändert gültig geblieben ist.

Adam hat den Mangel, an dem er litt, zweifellos gespürt, alles andere mag er geahnt haben. Er bedankte sich für seine Eva überschwänglich beim Schöpfer, was ihm die allermeisten Männer heute noch nachfühlen können. Er konnte nun Nachkommen zeugen und anfangen zu entwickeln, was man die menschliche Kultur nennt, weil seine Frau „um ihn war“. In Klartext übertragen sagt die Genesis nichts anderes als die Entwicklungsgeschichte: Der Mensch ist ein Zoon politikon, also ein geselliges Wesen. Mann und Frau sind in fast sämtlichen Lebenslagen, für fast alle Unternehmungen auf einen Partner angewiesen. Einer, der sich ihnen zugesellt, mit dem sie reden, streiten, Meinungen austauschen, mit dem sie den Tag und die Nacht teilen, auf den sie sich in Nöten verlassen können. Als ideale Lebensform bietet sich dafür die Ehe an, aber es muss nicht unbedingt eine Ehe sein. Millionen von Alleingelassenen bestätigen diese Feststellungen, die auch im Zeitalter unzähliger freiwilliger Einzelexistenzen nicht ihre Richtigkeit eingebüßt haben.

Spätestens im Alter, wenn nachlassende Kraft und Krankheiten die Menschen an ihre Wohnung, ans Bett oder an ein Heim fesseln, wenn der Freundeskreis vom Tod ausgedünnt ist, spüren auch überzeugte Singles, dass ihnen jemand fehlt. Zurückgebliebene Ehepartner erholen sich oft nicht mehr vom erlittenen Verlust. „Dann kommt die Zeit der Einsamkeit“, schreibt eine Witwe, selbst hoch in den Siebzigern, die nach sechs Jahren den Tod ihres Mannes noch immer bitter beklagt: „Es gibt keine vertrauten und auch keine sorgenden Gespräche mehr, noch nicht einmal das Atmen im gleichen Raum. Der Partner in guten und schlechten Tagen, ein Teil des eigenen Lebens, ist fortgegangen. Er hinterließ eine Leere, die niemand auszufüllen vermag“. Ein Dokument der Einsamkeit alter Menschen, die sonst selten zur Sprache kommt. Was die alte Dame schreibt, ist nicht neu, denn sie beschreibt das Schicksal jedweder menschlichen Gemeinschaft. Die Jungen möchten nicht hören, dass es für alle „lebenslänglichen“ Paare einmal so kommt. Wer sich ein wenig umschaut, gewinnt den Eindruck, dass die Zahl der unfreiwillig Einsamen und ihre Verlassenheit nie so groß waren wie in unserer industriellen Massengesellschaft. Vor dem 15. Jahrhundert ist das Adjektiv „einsam“ in der deutschen Sprache überhaupt nicht belegt. In 16. Jahrhundert wurde es für „unverheiratet“ gebraucht, auch für „verlassen“. 

Schlussfolgerungen drängen sich auf. Je mehr Menschen, je entwickelter ihre Individualität, um so verbreiteter die Einsamkeit?  Einsamkeit hat ebenso viele Ausprägungen wie Ursachen. Es gibt sie auch in bestehenden Ehen, in Familien und am Arbeitsplatz. Sie wird freiwillig gewählt, nicht zuletzt von denen, die Gott oder sich selbst suchen. Sie wird aber auch immer öfter von den Umständen erzwungen, etwa wenn Partner die Woche über an weit voneinander entfernten Orten arbeiten, und sie wird nicht selten aus Lieblosigkeit herbeigeführt.  

Am meisten bedrückt das Alleinsein die Alten. Von der Gesellschaft geprägte Normen, wie der Jugendlichkeitskult, machen es den Menschen sehr schwer, sich im Alter ihr Selbstwertgefühl zu erhalten. Sie fühlen sich nicht mehr akzeptiert, sehen sich ausgegrenzt. Wer noch dazu durch Krankheiten in seiner körperlichen oder geistigen Beweglichkeit eingeschränkt ist oder mit dem Eintritt in den Ruhestand seine finanzielle Potenz einbüßte, zieht sich gern selbst aus seinem vertrauten, ihn ein Stück mittragenden sozialen Umfeld zurück. Er steigert sich immer stärker in ein Gefühl der Nutzlosigkeit hinein. Nutzlosigkeit, Einsamkeit und Melancholie sind eng verbundene Schwestern. In jedem Lebensalter muss sich der Mensch aber bestätigt und anerkannt fühlen, um sich ausgeglichen entfalten zu können. Während sich bei jungen Leuten soziale Kontakte am Arbeitsplatz und in der Freizeit „wie von selbst“ einstellen, haben es Ältere schwer, sich die Zuneigung ihrer Umwelt zu erhalten.

Die soziale Geborgenheit früherer Jahrhunderte gibt es nicht mehr. Die große Bauernfamilie auf dem eigenen Hof, idealtypisch für betreutes Altern und Sterben, ist überaus rar geworden. Individualität, Selbstständigkeit und Selbstverantwortung stehen aus guten Gründen hoch im Kurs. Meist wird aber übersehen, dass sie mit dem großen Risiko der Vereinsamung verbunden sind. Alte trifft dieses Schicksal zuerst. Nur mit Mühe finden sie einen Platz, an dem sie ihre Lebenserfahrung, ihr Wissen und ihre kreativen Fähigkeiten einbringen können. Soziologen machen seit langem auf diese Probleme aufmerksam. Zusammen mit Gerontologen haben sie Angebote entwickelt, um dem Rückzug der Alten „auf sich selbst“ entgegenzuwirken, um ihre Distanz zu den Mitmenschen nicht zu groß werden zu lassen. Es scheint jedoch, dass die Masse der Betroffenen nicht erreicht wird. Wenn einige hundert Altmanager ihr Know-how in Entwicklungsländern weitergeben, schlägt das kaum zu Buche.

Not tut, dass sich jeder Einzelne das Schicksal seines einsamen Nachbarn ausreichend ins Bewusstsein ruft und sein Verhalten daran orientiert. Ein gutes Wort kann Wunder wirken, notfalls per Telefon. Manchmal helfen sich Alte gegenseitig. Vereine tun ihr Bestes, um Geselligkeit zu ermöglichen. Straußwirtschaften, Stammtische und die kleine Kneipe an der Ecke „dohoggediedieimmerdohogge“ erfüllen eine sozialtherapeutische Aufgabe. Niemand mokiere sich über diese Feststellung. Wer die Menschen in einer Gutsschänke beobachtet, erkennt schnell, dass der Wein zwar eine dominante, der Alkohol eher eine untergeordnete Rolle spielt. Das Gespräch, die Geselligkeit, werden gesucht. Nicht jedermanns Sache, aber eine gute Ablenkung für alle, die sie mögen.

Als das Fernsehzeitalter noch nicht angebrochen war, gab es in fast jeder Gemeinde einen Platz, auf dem sich der „alte Adel“ traf, die Männer im Rentenalter. Langweilig soll es bei ihnen nicht gewesen sein. Sich einsam zu fühlen, ist keine Krankheit, aber es kann krank machen. Wenn die Blätter fallen und der Nebel steigt, wenn die Natur ihr buntes Kleid ablegt und die Landschaft braun-grau verblasst, wenn der Totenmonat Trauer und düstere Gedanken begünstigt, werden die Einsamen noch einsamer. Die Depressiven sehen nicht einmal mehr den Keim des Auferstehungsfrühlings, den jede sterbende Pflanze in sich trägt. Dann ist es höchste Zeit, sich zu besinnen, Zeit, über sich und andere nachzudenken. Vielleicht gelingt es sogar, den einsamen Nachbarn von einem unbedachten Schritt zurückzuhalten. Hilfe aus Mitverantwortungsbewusstsein macht eine Gesellschaft menschlich.

Zu sehr hat man sich daran gewöhnt, dem Bettler ein Almosen zu verweigern in der Überlegung, „dass wir dafür ja die Sozialämter haben“. Und ein zweiter Gedanke, nämlich „Dafür zahle ich ja Steuern“, gesellt sich schnell hinzu. Solche Auffassungen haben die menschlichen Beziehungen erkalten lassen. Therapieeinrichtungen und Ämter vermögen nicht viel dagegen zu tun. Die mitdenkend für andere Handelnden können nicht genug gelobt werden. Ihre Zahl ist aber viel zu klein. Die voll in den Aktivitäten des Lebens stehenden starken Menschen haben allen Anlass ihre Aufmerksamkeit auf die Schwachen zu lenken, zu denen die Einsamen ganz ohne Zweifel gehören. Wer Wärme, Verständnis und Mitgefühl vermittelt, erhält sie doppelt zurück. Eines Tages könnte er gar selbst darauf angewiesen sein.

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